Sonne macht Spaß

Es war so gegen dreizehn Uhr, da lugte die Sonne vorsichtig hinter den Regenwolken hervor als wollte sie mit einem Augenzwinkern fragen: "Seid ihr soweit?" Die Hauptdarstellerin des ersten Mädchen Technik Tags in der Solarenergieforschung, zu dem das HMI am 20. Mai Schülerinnen aus Berlin und dem brandenburgischen Umland eingeladen hatte, zeigte einmal mehr ihr außerordentlich sicheres Gespür für gutes Timing. Den ganzen Vormittag glänzte sie durch Abwesenheit, doch als es darauf ankam, war sie zur Stelle.

Noch rasch den letzten Kumulus verdampft, legt sie alsbald ihr gleißendes Gewand im Innenhof des Institutes aus. Auf Gras und Bäumen funkeln Tropfen. Dr. Susanne Siebentritt lächelt. Ja, sie ist soweit. Umringt von einem Dutzend Schülerinnen hält die Physikerin ein Photovoltaik-Modul ins helle Licht und erntet unter den gespannten Blicken der Mädchen die Früchte ihrer Arbeit - Strom aus Sonne, 0,73 Ampere stark, 24 Volt Spannung. Sonne macht Spaß.

Rund hundert Schülerinnen sind der Offerte des HMI gefolgt und haben an diesem Samstag den Weg in die Labore der Solarforscherinnen und -forscher gefunden. "Wir wollten mal hinter die Kulissen schauen", erzählt Katrin, und ihre beiden Freundinnen Annika und Beate, die mit ihr die 12. Klasse eines Berliner Gymnasiums besuchen, fügen hinzu: "In der Schule wurde das Thema Solarenergie nur angerissen, und hier haben wir mal die Chance, zu erfahren, was wirklich dahinter steckt." Und das war durchaus wörtlich gemeint. Denn den ganzen Vormittag, während die Sonne noch hinter dicken Wolken weilte, standen den Schülerinnen im HMI-Bereich Solarenergieforschung alle Labortüren offen, und die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sonst hier forschen, zeigten ihnen, "was dahinter steckt".

Gegen zehn Uhr - im gut gefüllten Hörsaal herrscht gespannte Erwartung - begrüßt Prof. Michael Steiner die Gäste. Seiner Freude über das zahlreiche Erscheinen der Schülerinnen - die Jüngste geht gerade in die siebten Klasse, die Älteste steht mitten im Abitur - folgt ein Wort des Bedauerns, "dass die weibliche Seite in der Physik immer noch unterrepräsentiert ist", aber auch der Hoffnung, dass Tage wie dieser die Situation zu ändern vermögen. Schulsenator Klaus Böger, Schirmherr des Tages, schickte ein Grußwort mit der Forderung nach "mehr Erfindergeist und einem neuen Umgang mit den naturwissenschaftlichmathematischen Fächern in der Schule". Dieser Vormittag, soviel sei vorweg genommen, wird am Ende vielen neue Impulse gegeben haben. Doch zunächst erfahren die Schülerinnen von Prof. Martha Lux-Steiner, der Leiterin des Bereichs Solarenergieforschung am HMI, was es bedeutet, "eine Frau unter Männern" zu sein.

"Es war nicht immer leicht, als Frau wissenschaftlich akzeptiert zu werden", sagt Berlins erste Physik-Professorin an der Freien Universität und wirft ein Dia an die Leinwand, das sie auf einem Gruppenbild während eines Kongresses zeigt, gut versteckt als einzige Frau unter rund drei Dutzend Männern. "Aber sobald ich anfing, mit den Leuten zu reden und im Team mit ihnen zu arbeiten, haben mir auch immer sehr viele geholfen." Ihr Ziel, so tief in die Welt der Physik einzutauchen, hatte Martha Lux-Steiner schon frühzeitig als Schülerin vor Augen und verfolgt es seitdem "mit kleinen Schritten, großem Willen, intensiver Arbeit und einer Menge Spaß", wie sie ihrem jugendlichen Publikum verrät und mit einladender Geste schließt sie an: "Ich wünsche mir, dass viel mehr Frauen in der Solarenergie forschen." Dieser Tag mag dazu beitragen.

Anne Rumberg ist schon eine ganze Weile in dieser Männerdomäne unterwegs. Die Doktorandin des HMI erzählt den Schülerinnen von ihrer ganz persönlichen Erfahrung mit dem Physikstudium und findet dabei die richtigen Worte. "Damals waren sehr viele Freaks dabei, die schon seit frühester Kindheit Radios zerlegten und wieder zusammenbastelten", erinnert sich die Physikerin. "Anfangs dachte ich, die hätten mir alle was voraus, bis ich merkte, das Kreativität viel wichtiger war, als ein Bastlertyp zu sein." Für Regina, die im Auditorium sitzt und gespannt zuhört, sind die Sätze Balsam. "Ich überlege selbst gerade Physik zu studieren", sagt die Abiturientin, "hatte aber bis jetzt immer befürchtet, dass das nur was für Freaks ist."

Nachdem die schlimmsten Befürchtungen aus dem Weg geräumt waren, stand der Begegnung mit der Praxis nichts mehr im Wege. Und da hatten die Schülerinnen zunächst die Qual der Wahl, mussten sie doch aus den neun angebotenen Laborführungen drei auswählen. "Kristallzüchtung hört sich spannend an", flüstert eine und ihre Freundin flüstert zurück: "Ich will aber unbedingt auch den Sonnensimulator sehen." Die beiden entscheiden sich zunächst für einen Besuch beim Rasterelektronenmikroskop und folgen Isabel Gavilanes Perez, die die Gruppe im Gänsemarsch zwei Treppen hinauf und durch den Flur zum REM-Raum führt. Nach ein paar erklärenden Worten bekommen die Schülerinnen dann das ausgerissene Haupthaar eines HMI-Mitarbeiters zu Gesicht - groß wie ein Baum. Und natürlich vergrößert Isabel Gavilanes Perez auch Siliziumkristalle, was bei dieser Auflösung einem Flug über Gebirge gleichkommt und von fünfzehn faszinierten Augenpaaren aufmerksam verfolgt wird.

Nur zwei Türen weiter dreht sich zur gleichen Zeit ein kleiner Propeller am Versuchsaufbau von Dr. Michael Bron - ein Signal, dass seine Brennstoffzelle Strom liefert. Doch die Schülerinnen wollen mehr wissen und löchern ihn mit Fragen. Welche Reaktion läuft da jetzt ab? Wo kommen die Protonen her? Hier wird Expertenwissen abgefragt und offenbar sind einige der Schülerinnen sehr mit der Materie vertraut und haken unermüdlich nach. Auch Dr. Ilka Luck muss Rede und Antwort stehen, als sie ein Stockwerk tiefer die Herstellung der zukunftsweisenden Dünnschichtsolarzellen mittels Koverdampfung erklärt. Was ist der Unterschied zur MOCVD? Wie groß ist der Wirkungsgrad? Was kostet ein Kilowatt Peak? Wie lange dauert die Amortisierung? Das Interesse ist groß und die fundierten Auskünfte nutzen die Schülerinnen oft umgehend für Diskussionen untereinander. Die Suche nach umweltschonender Energie ist für einige mehr als bloßer Schulstoff und der Blick in die Labore des HMI liefert ihnen neue Argumente.

Für jene, die weniger Vorwissen mitbringen, hält der Tag um so mehr Überraschungen bereit. "Ich wusste gar nicht, dass man Kristalle selbst herstellen kann", wundern sich Ulrike und Christiane und halten erstaunt den funkelnden Chalkopyrit-Rasen ins Licht, den Dr. Yvonne Tomm in der Gruppe herumreichen lässt. Nicht minder beeindruckt wiegen sie den schweren und eisklaren Silizium-Einkristall in Händen, der hier im Labor des HMI gezüchtet wurde. Und als sie wenig später vor dem Integrierten System stehen, in dem die Wissenschaftler Halbleitergrenzflächen präparieren und charakterisieren, nehmen ihre Blicke sogar ehrfurchtsvolle Züge an. Die riesige Apparatur mit ihren zahlreichen Aufbauten und dem schier undurchschaubaren Wirrwarr an Schläuchen, Drähten, Kabeln und Verbindungsrohren hat es vielen Schülerinnen angetan und nicht zuletzt der verknitterte Glanz der wärmeisolierenden Alu-Folie lässt das Ungetüm für viele zum optischen Highlight werden.

Am Ende hatte jede Schülerin ihr ganz persönliches Lieblingslabor. Ob es aber nun das Integrierte System war oder der Sonnensimulator, Einigkeit herrschte bei allen über das Engagement der Forscherinnen und Forscher, die das Erlebnis möglich machten. "Die haben das so gut rübergebracht und sind alle so jung", sprudelt Lina voller Begeisterung. "Man hat einfach gemerkt, dass sie Spaß an ihrem Beruf haben und stolz sind, hier zu arbeiten." Und als sich dann gegen dreizehn Uhr alles beim abschließenden Buffet trifft und auch die Sonne endlich ihren Auftritt hat, reift bei mancher Schülerin der Wunsch, bald als Kollegin wiederzukommen.

Thomas Müller, Wissenschaftsjournalist