50 Jahre Neutronenforschung in Berlin

Helmholtz-Zentrum Berlin für Materialien und Energie blickt auf ein halbes Jahrhundert erfolgreiche Forschung zurück.

Vor 50 Jahren, am 24. Juli 1958 begann die Erfolgsgeschichte der Berliner Forschung mit Neutronen: an diesem Tag ging der erste Forschungsreaktor in Berlin-Wannsee in Betrieb. Dieser Reaktor und sein in den Siebzigerjah-ren errichteter Nachfolger liefern Neutronenstrahlen, mit denen wichtige Erkenntnisse auf den Gebieten Physik, Chemie, Biologie und Werkstoffwis-senschaften, aber auch Kunstgeschichte und Archäologie, erzielt werden. Am 14. und 15. Juli 2008 wurde das Jubiläum mit einem Festkolloquium am Helmholtz-Zentrum Berlin für Materialien und Energie (HZB, ehemals Hahn-Meitner-Institut) gefeiert.

Bei dem Festkolloquium blickten Wissenschaftler aus dem HZB und anderen Forschungseinrichtungen auf die Entwicklung der Neutronenforschung in Berlin zurück und präsentierten aktuelle wissenschaftliche Entwicklungen auf dem Gebiet. Dr. Hans-Gerhard Husung, Berliner Staatssekretär für Wissenschaft und Forschung, sagte in seinem Grußwort die fortgesetzte Unterstützung des Berliner Senats für die Neutronenforschung in Berlin zu. Vertreter von acht Neutronenforschungszentren aus dem In- und Ausland beglückwünschten die Berliner Kollegen zu Ihrem Jubiläum.

„Neutronen liefern die Antworten auf zwei Fragen über das Innenleben von Stof-fen: sie sagen wo ihre Atome sind und was sie tun“. Mit diesen Worten aus der Präsentationsrede für den Physik-Nobelpreis 1994 umriss Andrew Taylor, Direk-tor des englischen Neutronenstreuzentrums ISIS, in seinem Festvortrag die Be-deutung der Neutronen für die Wissenschaft. Taylor machte auch deutlich wie die Forscher über die letzten Jahrzehnte immer besser gelernt haben, die Möglich-keiten der Neutronen zu nutzen: während man vor vierzig Jahren Neutronen nur dafür nutzte, den Aufbau von Kristallen zu bestimmen, kann man heutzutage mit ihrer Hilfe Quantenphänomene beobachten, Wasserbewegungen in biologischen Materialien studieren, Spannungen in industriellen Bauteilen bestimmen und Vor-gänge in vielen anderen komplexen Systemen erforschen.

Professor Michael Steiner, Wissenschaftlicher Geschäftsführer des HZB, zeigte in seinem Rückblick auf, wie die Berliner Neutronenforschung über viele Jahre einen wichtigen Beitrag dazu geleistet hat, dass immer komplexere Systeme mit Neutronen erforscht werden konnten. Professor Steiner machte deutlich, dass es auch an einem Institut mit einer Neutronenquelle nur mittlerer Leistung möglich ist, Forschung von Weltrang zu betreiben, wenn die Instrumente, an denen die eigentlichen Versuche durchgeführt werden, zu den weltbesten gehören. Daher habe sich das Hahn-Meitner-Institut auch stets sehr für die Geräteentwicklung engagiert.

Ein Beispiel für herausragende Instrumentierung am Berliner Reaktor sind die extremen Probenumgebungen: in diesen Anlagen können Substanzen bei extrem starken Magnetfeldern und bei sehr tiefen Temperaturen mit Neutronen untersucht werden – ein Angebot, das unter anderem auf dem Gebiet der Supraleitung bedeu-tende wissenschaftliche Ergebnisse möglich gemacht hat und das viele externe Wissenschaftler nach Berlin lockt. Da die Anlagen um den Forschungsreaktor zu rund 70% Forschern anderer Einrichtungen zur Verfü-gung gestellt werden, ist die Nachfrage bei den Nutzern ein wichtiges Maß für die Qualität der Forschungsmöglichkeiten.

Verbesserte Messmöglichkeiten für besonders nachgefragte Themengebiete wie biologische Materialien oder Quantenmagnetismus und insbesondere der neue Hochfeldmagnet, der das weltweit stärkste Magnetfeld für Neutronenexperimente erzeugen wird – das sind einige der ehrgeizigen Pläne des HZB, von denen Professor Alan Tennant, Leiter der Abteilung Magnetismus berichtete. Sie sollen den hohen wissenschaftlichen Standard der Neutronenforschung in Berlin sichern.

In seinem Schlusswort betonte Professor Steiner, dass Lösungen der komplexen Fragestellungen moderner Forschung Untersuchungen mit verschiedenen Methoden nötig machen. Die Vision, verschiedene komple-mentäre Methoden innerhalb des Hahn-Meitner-Instituts zu nutzen, habe bereits Professor Hans Dachs, Be-gründer der Neutronenstreuung in Berlin gehabt. So betraute er Jochen Schneider, den späteren Leiter des Synchrotronlabors HASYLAB bei DESY in Hamburg, damit, am HMI die Gamma-Beugung als ergänzende Methode zur Neutronstreuung zu bearbeiten. Endgültig Wirklichkeit werde die Vision von Professor Dachs mit der Fusion des ehemaligen Hahn-Meitner-Instituts mit der Berliner Synchrotronstrahlungsquelle BESSY zum neuen Helmholtz-Zentrum Berlin für Materialien und Energie (HZB). Hier werden Forscher die Möglichkeit haben, Untersuchungen mit Neutronen und Synchrotronstrahlung im Rahmen eines Instituts durchzuführen und so die Synergien zwischen den beiden Strahlenarten besonders effizient zu nutzen.

Das Helmholtz-Zentrum Berlin für Materialien und Energie (HZB – ehemals Hahn-Meitner-Institut) ist ein na-turwissenschaftliches Forschungszentrum mit den Schwerpunkten Strukturforschung und Solarenergiefor-schung mit Standorten in Berlin-Wannsee und Berlin-Adlershof. Es beschäftigt etwa 800 Personen, davon rund 300 Wissenschaftler. Für die Arbeiten auf dem Gebiet der Strukturforschung betreibt es auf dem Insti-tutsgelände in Wannsee einen Forschungsreaktor und nutzt Messanlagen an der Berliner Synchrotronstrah-lungsquelle BESSY. Zum 1. Januar 2009 fusionieren das ehemalige Hahn-Meitner-Institut und BESSY zu einem neuen For-schungszentrum innerhalb der Helmholtz-Gemeinschaft, wobei das Hahn-Meitner-Institut bereits in diesem Jahr den gemeinsamen Namen angenommen hat.

21.07.2008