Interview with Bernd Rech

Prof. Bernd Rech © HZB/M. SETZPFANDT

Seit 1. Mai 2017 ist Bernd Rech kommissarischer wissenschaftlicher Geschäftsführer des HZB. »lichtblick« sprach mit ihm über seine wichtigste Aufgabe, über die Stärken des HZB und Überraschungen im Job.

Herr Rech, als Sie angesprochen wurden, kommissarisch die Führung des Hauses zu übernehmen – haben Sie lange gezögert, Ja zu sagen?

Bernd Rech: Ich habe mich relativ lange mit meiner Familie beraten, bevor ich zugesagt habe. Ich bin seit elf Jahren Institutsleiter und nun auch kommissarischer Geschäftsführer. Die neue Aufgabe ist sehr spannend und ich lerne das HZB jetzt aus einer anderen Perspektive kennen. Es macht Spaß, Einblicke in die ganze Breite der Forschung und der Organisation zu bekommen. Der Perspektivwechsel hilft, manche Dinge, mit denen man als Institutsleiter vielleicht mal nicht einverstanden war, anders zu sehen.

Haben Sie sich schon einen Überblick verschafft, was als Wichtigstes zu tun ist?

Als Sprecher des Helmholtz-Programms »Erneuerbare Energien« kenne ich den Energie-Bereich sehr gut. Auch die Entwicklungen bei BESSY II habe ich sehr intensiv verfolgt. Neu sind für mich die Themenkomplexe rund um den BER II inklusive des Rückbaus. Für uns ist jetzt die wichtigste Aufgabe, dass wir die anstehende Begutachtung bestmöglich vorbereiten. Wir müssen überzeugende Berichte schreiben und uns dann exzellent präsentieren. Es kommt darauf an, dass wir unsere Themen zusammen vertreten. Und wir müssen noch stärker in den Vordergrund stellen, wie wir als Zentrum eine einzigartige Brücke zwischen den Großgeräten und der Energieforschung schlagen.

Was ist die Voraussetzung für eine gute Präsentation bei der Begutachtung?

Wichtig ist, dass wir intern eine sehr offene, zielgerichtete Kommunikation haben. Wir müssen die Aufgaben klar verteilen, und wir müssen uns im Zentrum wissenschaftlich sehr gut austauschen. Diese Kommunikation mit zu organisieren und voranzubringen, ist eine der zentralen Aufgaben, die ich mir gestellt habe.

Wie gehen Sie dabei konkret vor?

Wir starten Diskussionsrunden mit den Bereichssprechern und -koordinatoren, die in einem vierwöchigen Rhythmus stattfinden sollen. Zudem planen wir eine Klausurtagung, auf der wir kompakt aktuelle wissenschaftliche Ergebnisse diskutieren werden. In den Gesprächen wollen wir herausarbeiten, welche Forschungsthemen wir in der zweiten Phase der POF III weiter bearbeiten wollen und mit welchen Schwerpunkten wir in die POF IV gehen möchten. Denn wir müssen nicht nur die kommende Zwischenbegutachtung vorbereiten, sondern auch unsere Forschung weiter planen. Dieser Prozess ist sehr komplex und wird mehr als zwei Jahre dauern. In dieser Zeit müssen wir Schwerpunkte setzen und internationale Entwicklungen aufnehmen, denn Wissenschaft ist lebendig und dynamisch.

Sind die Erfahrungen, die Sie als Institutsleiter gewinnen konnten, für Ihre neue Aufgabe nützlich?

Am Institut für Silizium-Photovoltaik (E-IS) waren wir immer sehr offen, neue Entwicklungen aus dem wissenschaftlichen Umfeld aufzunehmen. So sind zum Beispiel das Kompetenzzentrum für Photovoltaik (PVcomB) und das Energieforschungslabor EMIL stark von E-IS mit initiiert worden. Wir haben auch das Thema Perowskit-Solarzellen früh aufgegriffen, das nun drei Nachwuchsgruppen vorantreiben, und bauen das Helmholtz Innovation Lab HySPRINT auf. Ich will sagen: Es entspricht meiner Arbeitsweise, Themen vorauszudenken und Strategien zu entwickeln, wie man sie in Organisationsstrukturen überführen kann. Dies werde ich nun nicht mehr nur für das Institut »Silizium-Photovoltaik« machen, sondern für das ganze Haus.

Das HZB hat in den Jahren einen umfangreichen Strategieprozess durchlaufen. Wo sehen Sie die Stärken der HZB-Forschung?

Eine ganz zentrale Rolle in unserer Strategie spielt die Photonenquelle BESSY II und ihre Weiterentwicklung zu BESSY VSR bis hin zur Ausarbeitung eines Konzepts für BESSY III. Auf den Punkt gebracht kann man sagen, unsere Stärke ist alles, was mit dem Photon, also dem Lichtteilchen, zu tun hat. Das sind zum einen die Entwicklung und der Betrieb der Photonenquelle inklusive der dazu gehörenden Beschleunigerphysik, zum anderen die Nutzung von Photonen und die damit verbundenen elektrochemischen Prozesse in der Materialforschung. Der Transfer von Ladungen spielt an vielen Stellen eine Rolle, unter anderem in der Energiewandlung, aber auch in Materialien für die Informationstechnologien. Eine herausragende materialwissenschaftliche Expertise haben wir uns hier übrigens auch durch die Forschung mit Neutronen am BER II erarbeitet.

Photonenquelle und Photonennutzung für Energiethemen sind im HZB also die beiden Seiten einer Medaille?

Ja, und bei uns glänzen beide. Mit dem Aufbau von EMIL sowie weiteren Messplätzen an BESSY II ist es uns bereits gelungen, eine Brücke zu schlagen zwischen der Material- und Bauelemente-Entwicklung im Energiebereich und dem Großgerät. Diese Brücke ist bei den Themen »Solarzellen« und »Solare Brennstoffe« schon jetzt sehr deutlich zu erkennen. Aber auch das Feld der chemischen Energiewandlung wirft viele Fragen auf, die sich mit der Photonenquelle BESSY II sehr gut erforschen lassen. Dieser Themenbereich passt sehr gut ins Berliner Umfeld, und wir können ihn mit unseren Partnern, den Universitäten, der Max-Planck-Gesellschaft und anderen Institutionen, weiter etablieren und in unseren Systemansatz integrieren.

Was verstehen Sie unter diesem Systemansatz?

Damit ist gemeint, dass wir die Materialforschung systemisch angehen. Es gibt eine gewünschte Eigenschaft, die man in ein Material einbauen möchte. Um den optimalen Ansatz zu finden, können wir berechnen und simulieren, wie sich ein Dünnschicht-Material verhält. Daraufhin wird ein bestimmter Syntheseweg entwickelt und per Analytik sofort geprüft, ob die gewünschte Eigenschaft erreicht wurde oder warum es Abweichungen gibt. Mit diesen Ergebnissen startet man erneut und optimiert den Prozess. Dieser Ansatz ist möglich, weil wir am HZB mittlerweile nicht mehr nur großartige analytische Möglichkeiten haben, sondern weil wir auch Expertise in der Synthese sowie Kooperationen in der Theorie und Simulation aufgebaut haben. Genauso wichtig ist es, das Energiesystem ganzheitlich zu betrachten, um Chancen, aber auch Sackgassen frühzeitig zu identifizieren und daraus die richtigen Rückschlüsse zu ziehen.

Werden Sie an beiden Standorten arbeiten?

Ich werde etwas häufiger in Adlershof sein, weil dort mein Institut ansässig ist, aber ich werde auch regelmäßig in Wannsee sein. Ganz klar ist: Ich bin als Geschäftsführer für das ganze Haus zuständig und werde mich um beide Standorte kümmern. Beide ergänzen sich gut und haben interessante Projekte und Zukunftspläne, die ich mir genau anschauen werde. Die große Herausforderung für uns alle ist, dass wir die anstehenden Großprojekte jetzt umsetzen und neue Vorhaben priorisieren müssen, wobei die wissenschaftliche Stärke im Vordergrund stehen muss.

Haben Sie als wissenschaftlicher Geschäftsführer schon Überraschendes erlebt?

Nicht im engeren Sinne, doch ich habe mich sehr über den großen Rückhalt im Haus gefreut. Viele Kolleginnen und Kollegen sind auf mich zugekommen und haben mir auf verschiedensten Ebenen ihre Unterstützung angeboten. Und ich bin sehr neugierig, neue Projekte und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kennenzulernen.

Die Fragen stellte Ina Helms.