Rätsel um Gemälde Modiglianis gelöst

Forscherinnen am HZB halfen, die Echtheit des Selbstportraits aufzuklären

Sucht man im Internetlexikon Wikipedia nach dem italienischen Maler und Bildhauer Amedeo Modigliani, findet man zwei Bilder von ihm: Ein Selbstbildnis und ein Portrait, das vermeintlich Jeanne Hébuterne im Jahr 1919 gemalt haben soll. Dieser Eintrag ist inzwischen überholt: Nach jahrelanger Arbeit konnten Kunsthistoriker jetzt mithilfe naturwissenschaftlicher Methoden zeigen, dass der Maler auch das zweite Portrait selbst angefertigt hat. Kolleginnen vom HZB halfen dabei, das Geheimnis zu entschlüsseln.

Durchleuchtet: Die Röntgenaufnahme (re.) zeigt, dass
sich unter Modiglianis Gemälde (li.) eine Frau verbarg.

Dass nun ein zweites Selbstportrait von Modigliani identifiziert wurde, ist für Kunsthistoriker und Liebhaber des italienischen Künstlers eine kleine Sensation. Der zeitgenössische Maler wurde 1884 im italienischen Livorno geboren und lebte ab 1906 bis zu seinem frühen Tod in Paris. Seine Werke sind in vielen renommierten Galerien, unter anderem im Metropolitan Museum of Art in New York, zu besichtigen. Der Künstler, dessen Bilder zu Lebzeiten als anstößig empfunden wurden, hat heute unter Sammlern große Popularität. Ein Gemälde Modiglianis kam 2010 zum Höchstpreis von 69 Millionen Dollar unter den Hammer.
Das besagte Portrait befindet sich in Privatbesitz. Ein Sammler hatte sich vor mehr als acht Jahren an das HZB gewandt. Röntgenuntersuchungen zeigten, dass sich unter dem Gemälde das Gesicht einer Frau verbarg. Die Kunsthistoriker vermuteten, dass es sich bei der Frau um die Tänzerin Edy Rivolta handelte, die zu Modiglianis Modellen zählte. Es lag nahe, dass der Künstler sie gezeichnet hatte, bevor er das Bild übermalte und sich selbst porträtierte. An der Neutronenquelle BER II wollten die Forscher die Echtheit des Bildes klären.
„Gemeinsam mit der Berliner Gemäldegalerie bieten wir die Neutronenradiographie an. Es ist eine technisch aufwendige, aber äußerst effektive Methode zur Untersuchung von Gemälden. Wir können die chemischen Elemente der einzelnen Farbpigmente genau bestimmen. Kunsthistoriker erhalten so wichtige Hinweise zur Entstehung von Gemälden“, erläutert die damals verantwortliche Wissenschaftlerin am HZB, Birgit Schröder-Smeibidl. Sie hatte die Untersuchungen mit Andrea Denker sowie Claudia Laurenze-Landsberg und Christoph Schmidt von der Berliner Gemäldegalerie betreut. Gemeinsam untersuchten sie das Portrait mit Neutronen, konnten aber die erhoffte Signatur des Künstlers nicht finden. Eine ausführliche Autoradiographie des Gemäldes konnte wegen der hohen Gammastrahlung, induziert in den Farbpigmenten, nicht durchgeführt werden. Doch die Farbpigmente, die über die radioaktive Strahlung und die anschließende Gammaspektroskopie gefunden wurden, passten genau in die Zeit von Modigliani. Auch die ergänzenden Untersuchungen mit Protonen konnten die Frage nach der Echtheit des Portraits damals nicht hundertprozentig klären.
Erst jüngste maltechnische Vergleiche brachten den Durchbruch: Der französische Spezialist Jean Penicaut fertigte hochauflösende Aufnahmen mit Spezialkameras an. Er verglich das fragliche Selbstportrait mit gesicherten Werken Modiglianis aus seiner frühen Schaffenszeit. Hier zeigten sich große Übereinstimmungen in der Maltechnik. Die Forscher konnten letzte Zweifel an der Echtheit ausräumen. Das Bild ist nun zum ersten Mal als Selbstportrait in einem Künstlerkatalog (Catalogue Raisonné Amedeo Modigliani“, Vol. 5 von Christian Parisot) verzeichnet und in einer Ausstellung für die Öffentlichkeit zu sehen.

Autorin: Silvia Zerbe