Dem Rätsel der Qumran-Rollen auf der Spur

Die israelische Wissenschaftlerin Dr. Ira Rabin untersucht seit langem die teils nur als Fragmente erhaltenen 2000 Jahre alten Schriftrollen vom Toten Meer. Dazu nutzt ihr Team auch die Messeinrichtungen von BESSY II.  Beduinen fanden 1947 in Höhlen nahe der Ruinensiedlung Khirbet Qumran am Nordwestufer des Toten Meeres sieben Schriftrollen. Als in den folgenden Jahren in etlichen Höhlen der Umgebung weitere Überreste von insgesamt rund 900 Schriftstücken gefunden wurden und erste Schätzungen ergaben, dass sie etwa 2000 Jahre alt waren, wurde offenbar: Es handelt sich um eines der bedeutendsten Kulturgüter der Menschheit. Die vorwiegend mit Rußtuschen auf zu Pergament verarbeiteten Tierhäuten geschriebenen Texte waren in Hebräisch, aber auch in Aramäisch und Griechisch verfasst. Es handelt sich um Urtexte des Alten Testaments und Kommentare zu biblischen Schriften aus der Zeit zwischen dem dritten vorchristlichen Jahrhundert und dem Jahr 68 unserer Zeitrechnung. An der Untersuchung und Datierung waren bereits in den 1950er-Jahren Naturwissenschaftler beteiligt. Noch immer aber bergen die Rollen eine Reihe von Geheimnissen. Wo wurden sie geschrieben? In welcher Höhle hat man sie gefunden? Darüber hat niemand Buch geführt, zumal etliche Funde aus Raubgrabungen stammen. Sind Entstehungsund Fundort identisch? Daraus hoffen die Forscher auch etwas über die Umstände zu erfahren, unter denen die Rollen gelagert wurden. War es eine Bilbiothek, hat man sie bei einer Bedrohung versteckt?

Bei der Untersuchung eines Schriftrollen-Fragments
an der Synchrotronstrahlungsquelle BESSY II werden
Pergament und Tusche analysiert.

Ein Puzzle aus über 18.000 Teilen

Nur die wenigsten Rollen waren als meterlanges Ganzes erhalten, die meisten sind in Fragmente zerfallen – ein ungeheures Puzzle aus über 18.000 Teilen. An seiner systematischen Auflösung arbeitet seit vielen Jahren die Chemikerin Ira Rabin. Mit großem Engagement leitet sie das „Dead Sea Scrolls“-Projekt, an dem viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus aller Welt beteiligt sind. Heute arbeitet Rabin an der Bundesanstalt für Materialprüfung BAM in Berlin. Für ihre Untersuchungen kooperiert sie eng mit Forschern am Helmholtz-Zentrum Berlin, wo sie die Synchrotronstrahlungsquelle BESSY II für Messungen mit Röntgenlicht nutzt. Damit können die wertvollen Fragmente untersucht werden, ohne Schaden zu nehmen. Weil die beteiligten Wissenschaftler nur ein Bruchteil aller Stücke vermessen können, hat das Projekt zum Ziel, ein Portfolio an geeigneten Methoden zusammenzustellen, mit denen die vielen Tausend Fragmente im Laufe der nächsten Jahre und Jahrzehnte systematisch charakterisiert werden können. „Dafür ist die fantastisch brilliante Strahlung von BESSY II hervorragend geeignet“, betont Rabin. „Wir können die Messungen hier in höchster Qualität durchführen und so feststellen, wie man die Fragmente am besten untersucht und welche Ergebnisse uns die einzelnen Methoden liefern können.“ Mit diesem Wissen reichen später bei einer massenhaften Untersuchung die normalen Laborstandards aus.

Chemische Fingerabdrücke analysieren

Die Forscher verfolgen dabei eine Reihe von Zielen gleichzeitig: Einerseits wollen sie in Pergament und Tusche ortstypische chemische Fingerabdrücke entdecken, wie die regionaltypische Konzentration bestimmter Elemente im Wasser, mit dem das Pergament hergestellt und die Tusche angerührt wurde. Andererseits wollen sie die Spuren entschlüsseln, die der Gebrauch der Schriftstücke und die jeweiligen Aufbewahrungsarten und -orte – in Tongefäßen, in Stoff gewickelt, auf dem Boden, der je nach Höhle anders sein kann – in den vergangenen 2000 Jahren auf dem Pergament hinterlassen haben. Dafür nutzen die Forscher um Rabin zum einen die sogenannte Röntgenfluoreszenz. Damit bestimmen sie diverse che mische Elemente und ihre Konzentration. Dank einer spe - ziellen 3-D-Röntgentechnik, die von Birgit Kanngießer an der TU Berlin entwickelt wurde, gelingt es sogar, ein Tiefenprofil der Elemente zu erstellen. So können die Elemente verschie - denen Schichten und damit Behandlungs- oder Lagerungs - spuren zugeordnet werden. Die Vibrationsspektroskopie eignet sich für eine genauere Analyse der chemischen Verbindungen. So lassen sich beispielsweise verschiedene organische Substanzen unterscheiden, mit denen die Rollen behandelt wurden. Sie enthalten Kohlenstoff, der auf jeweils unterschiedliche Art an andere Atome gebunden ist.

Aufwendige Rekonstruktion der Restaurierung

Auf besonderes Interesse stößt seit jeher die sogenannte Tempelrolle, die auch als 6. Buch Mose bezeichnet wird. Sie unterscheidet sich schon durch ihr äußeres Erscheinungsbild von den anderen Rollen, denn sie ist nicht bräunlich, sondern weiß. Die Herkunft dieser Farbe war lange Zeit ein Rätsel, hatte man doch geglaubt, alle Pergamente mit biblischem Inhalt müssten nach einer im Talmud beschriebenen Methode gegerbt werden. „Unsere Analysen haben aber gezeigt, dass die Tempelrolle mit Alaun, einem Beizmittel für Leder und Textilien, vorbehandelt und dann mit einer Gipspaste und Kollagen überzogen wurde“, sagt Rabin. Auch die Herkunft der Tempelrolle konnte geklärt werden, und zwar aufgrund charakteristischer Nitratspuren. Unter allen Höhlen weist nur eine diesen chemischen Fingerabdruck auf, denn in ihr wohnen Fledermäuse, deren Ausscheidungen Nitrat enthalten. Einen Hinweis darauf, wo die Schriftstücke verfasst wurden, ermöglicht die Analyse der Tusche. Hier richten die Forscher ihr Augenmerk vor allem auf die ungewöhnliche Präsenz von Chlor und Brom und das Verhältnis dieser beiden Elemente zueinander. Es liefert einen Anhaltspunkt für den Ursprung des Wassers, mit dem die Tusche angerührt wurde. Denn dessen Chlor/Brom-Verhältnis variiert in der Region auf signifikante Art und Weise. Die Idee der Forscher ist es, künftig die Tuschen aller Fragmente zu analysieren und sie auf diese Weise zu kartieren. „Das wird eine langwierige Aufgabe werden, aber wir zeigen jetzt, dass und wie es geht“, sagt Rabin. Die Suche nach den Ursprüngen der Qumran-Rollen wird nicht nur durch ihren natürlichen Verfall erschwert. Auch verschiedenste Behandlungen zum Konservieren und Restaurieren haben den Zustand der Schriftstücke zum Teil drastisch verändert. Ira Rabin bezeichnet das Vorgehen als „schlimmste Folterungen“, denn oft wurde es weder sachgerecht durchgeführt noch ausreichend dokumentiert. Daher müssen die Wissenschaftler nun auch versuchen, die Restaurierungsgeschichte zu rekonstruieren. „Das ist wichtig, um in Zukunft eine möglichst dauerhafte und angemessene Konservierung und Aufbewahrung zu gewährleisten“, betont Rabin. Manche Befunde, auch die der Naturwissenschaft, sind umstritten. Letztlich wird man den Qumranrollen nur in Kombination mehrerer Methoden und in enger Zusammenarbeit mit den Archäologen und Historikern ihre Geheimnisse entlocken können. Es ist ein Weg der kleinen Schritte und der kleinen Erfolge, zu dem noch einige Wissenschaftlergenerationen ihren Beitrag leisten werden. 


Autorin: Dr. Uta Deffke (Nutzerexperimente, HZB-Highlightbericht)