Hermann Schunck: Die 42. Vorlage

 

Vom Herbst 1987 an war ich für rund 10 Jahre Vertreter des Bundes im Aufsichtsrat von BESSY. In diese Zeit fallen wichtige Weichenstellungen für BESSY, allen voran der Startschuss für BESSY II ungeduldig erwartet von der Community der Nutzer von Synchrotronstrahlung. Erste Überlegungen zu einer Lichtquelle der 3. Generation gehen noch auf Ernst-Eckhard Koch zurück, eine erste Studie trägt das Datum Dezember 1986. Ich erinnere mich an ein letztes Gespräch mit Ernst-Eckhard Koch über seine Pläne zu BESSY II wenige Wochen vor seinem Tod. Schwer gezeichnet von seiner schlimmen Krankheit verfolgte er seine Pläne bis zuletzt mit bewundernswertem Optimismus.

Das Referat naturwissenschaftliche Grundlagenforschung im damaligen Bundesministerium für Forschung und Technologie, das ich leitete, machte BESSY II bald zu "seiner" Sache; vor allem möchte ich Harry Blask nennen, ohne den es BESSY II wohl nicht geben würde. Die Berliner Verwaltung und Politik bis zur hin Stadtspitze setzte sich frühzeitig für BESSY II ein. Es gab vielfältige Unterstützung aus der Wissenschaft. Eine Kommission unter Werner Martienssen half uns das Projekt voran zu treiben und schließlich war das Votum der Kommission Grundlagenforschung des BMFT unter Leitung von Siegfried Großmann von ausschlaggebender Bedeutung; dabei war der jetzige Vorsitzende des BESSY Aufsichtsrates, Joachim Treusch, besonders hilfreich. Es sollte trotzdem noch fast fünf Jahre dauern, bis die Situation im BMFT reif für eine Entscheidung war.

Dies hatte mehrere Gründe: Geraume Zeit verging mit der Diskussion der Frage, welcher Anteil an Industrienutzung an BESSY II erreicht werden könnte; Bundesminister Riesenhuber veranlasste hierzu umfangreiche weltweite Vergleichsstudien. Besonders aber die räumliche Enge in Wilmersdorf erwies sich als ein großes Hindernis für konkrete Planungen. In unmittelbarer Nähe von BESSY I war nur eine unterirdische Anlage unter der dortigen Gartenbauschule möglich - der örtliche wie der fachliche Widerstand aus dem Landwirtschaftsbereich gegen eine solche Lösung war kaum überwindbar. Ich erinnere mich an den Besuch einer öffentlichen Anhörung zu den Plänen von BESSY im November 1989. Unsicherheit, Angst, ja Feindseligkeit prägten die Stimmung. Mir erschien eine Entscheidung für den Bau eines neuen Gerätes an diesem Standort kaum durchsetzbar.

Dann kamen die Öffnung der Mauer und der Vereinigungsprozess. Als Bundesvertreter nahm ich an der Evaluierung der Physik der DDR teil, übrigens zusammen mit Alex Bradshaw, der ja nach dem Tod von Ernst-Eckhard Koch für ein knappes Jahr wieder die Geschicke von BESSY leitete, bis Wolfgang Gudat aus Jülich dazu gestoßen war. Adlershof und dort das Zentralinstitut für Elektronenphysik war der erste Ort, den wir besuchten. Rasch tauchte die Idee auf, BESSY II dort anzusiedeln. Platz war vorhanden und vor allem entzündete sich unsere Phantasie an der Vorstellung, BESSY II zum Kristallisationskern eines Neuanfangs in Adlershof zu machen. Wer auf diese Idee als Erster gestoßen war, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls erinnere ich mich daran, dies als persönlichen Vorschlag im September 1990 im Aufsichtsrat von BESSY präsentiert zu haben. Mein langjähriger Berliner Kollege Jochen Stoehr fühlte sich zunächst etwas überfahren, fand aber bald Gefallen an dieser Idee und vermochte auch seinen Senator zu überzeugen. Rechtzeitig zur nächsten Aufsichtsratssitzung im April 1991 entstand ein Argumentationspapier "BESSY II in Berlin - Adlershof", das die Vorteile des neuen Standortes gegenüber dem bisherigen heraus arbeitete und der Aufsichtsrat machte sich den Vorschlag schließlich zu Eigen.

Überhaupt gewann das Projekt unter Leitung von Eberhard Jaeschke, der Anfang 1991 zu BESSY gekommen war, an Dynamik. Das war auch nötig, denn inzwischen gab es Konkurrenz. Eine Arbeitsgruppe im Forschungszentrum Rossendorf legte einen Vorschlag für eine Synchrotronstrahlungsquelle ganz ähnlich wie BESSY II vor. Bundesforschungsminister Riesenhuber war zunächst offen für diesen Vorschlag. Rossendorf wäre ein Gerät durchaus zu gönnen gewesen - nur wer hätte es dort bauen sollen? Schließlich war Adlershof für BESSY ein erträglicher Kompromiss. Man konnte mit der Kernmannschaft sowohl BESSY I in Wilmersdorf weiter betreiben als auch BESSY II in Adlershof aufbauen. Der Erfolg rechtfertigt diese Standortentscheidung im Nachhinein allemal. Das Ziel, zum Neuanfang des Standortes beizutragen, wurde ganz offensichtlich erreicht.

Aber auch im Westen tauchte Konkurrenz auf. Ausgehend von der neuen Idee, Synchrotronstrahlung in der Mikrostrukturtechnik, vor allem in der LIGA-Technik, einzusetzen, gab es Standortvorschläge für neue Synchrotronstrahlungsquellen in Mainz, Bonn und Karlsruhe, um nur die Gewichtigsten zu nennen (ANKA im Forschungszentrum Karlsruhe ist ein spätes weiteres Ergebnis dieser bundesweiten Debatte). Kurz vor der Zustimmung von Bundesminister Riesenhuber und dem Berliner Regierenden Bürgermeister Diepgen zu BESSY II gab es denn auch noch dringende Einwirkungsversuche auf die Bonner Entscheidung durch Staatssekretäre, Minister und Ministerpräsidenten aus mehreren Bundesländern. Diese Bewegung hat sicher auch dazu beigetragen, die Bonner Entscheidung schließlich reifen zu lassen.

Wie kam die Entscheidung nun zustande? Harry Blask, der in unserem Referat den langwierigen Entscheidungsprozess um BESSY II betreute, war geduldig, hartnäckig und zäh. Er legte Wert auf eine ordentliche Aktenführung; die Zahl seiner Vorlagen an die Leitung des BMFT hatte schon 8 Hände voll erreicht. Harry Blask hatte seine eigene Art, Ungeduld auszudrücken. Und so gab es mit Datum vom 12. Mai 1992 eine Vorlage mit dem Betreff: BESSY (42. Vorlage). Diese Klammer wurde von einem vorsichtigen Vorgesetzten natürlich gestrichen, führte aber zu einer ironischen Notiz und in der Folge zu energischen Aktivitäten unseres Staatssekretärs, Gebhard Ziller, der für Bundesminister Riesenhuber die endgültige Entscheidung vorbereitete.

Es gab dann noch ein letztes Hindernis: die Finanzplanung und Unsicherheit über eine anstehende Bundesbeteiligung am Projekt Forschungsreaktor München II. Der FRM II war, wie es so schön heißt, damals noch nicht "etatreif". Leicht können sich in einer solchen Situation zwei Projekte gegenseitig blockieren; Bürokratien lieben solche Situationen nicht. Umso höher ist allen am Entscheidungsprozess Beteiligten anzurechen, dass sie schließlich ihr Handeln unter das Motto stellten: "Es ist ungut, ein etatreifes Vorhaben wegen eines noch nicht etatreifen, späteren, ja sogar ungewissen Vorhabens in der Schwebe zu halten" - so steht es in der Mitzeichnung des damaligen Leiters der Haushaltsabteilung des BMFT. Heute können wir zufrieden feststellen, dass beide Projekte als wichtige Bausteine der Forschungsinfrastruktur in Deutschland realisiert worden sind.

Am 1. Juli 1992 entschied das Bundeskabinett über den Voranschlag des Bundeshaushaltes 1993 und die Finanzplanung für die folgenden Jahre. Das Ergebnis entsprach unseren Erwartungen. Am 7. Juli 1992 ließ Bundesminister Heinz Riesenhuber dann in einer Pressemitteilung verkünden: "Grünes Licht für Berliner Elektronensynchrotron BESSY II".