Wirbeln im Ring – der Shutdown bei BESSY II

Vorbereiten der Undulator-"Rochade": Im nächsten Jahr wird der Undutor an einer anderen Stelle aufgebaut. Damit es dann schnell geht, wird jetzt die Verkabelung gemacht.

Vorbereiten der Undulator-"Rochade": Im nächsten Jahr wird der Undutor an einer anderen Stelle aufgebaut. Damit es dann schnell geht, wird jetzt die Verkabelung gemacht. © HZB/M. Setzpfand

Von langer Hand geplant: Damit sich die Arbeiten im Shutdown nicht behindern, koordiniert Christian Jung mit seinen Team die Arbeiten.

Von langer Hand geplant: Damit sich die Arbeiten im Shutdown nicht behindern, koordiniert Christian Jung mit seinen Team die Arbeiten. © HZB/M. Setzpfand

Neu eingebaut: Eine neue Versorgungsverbindung, die „Multiple Helium-Transfer-Leitung (MTL)".

Neu eingebaut: Eine neue Versorgungsverbindung, die „Multiple Helium-Transfer-Leitung (MTL)". © HZB/M. Setzpfand

Neun Wochen ist der Speicherring BESSY II in diesem Jahr abgeschaltet, um dringende Wartungsarbeiten durchzuführen und neue Komponenten einzubauen. Das klingt nach einer langen Pause, doch die Liste der Arbeiten ist lang. Hinter den Kulissen wird gerade richtig gewirbelt, damit BESSY II ab 13. Oktober so zuverlässig wie bisher unseren Gastforscherinnen und -forschern wieder zur Verfügung steht.

Gewirbelt wird indes nicht erst seit dem 20. Juli, dem ersten Tag des Shutdowns. Viele Planungen für die Projekte haben schon Jahre vorher begonnen. In dieser Betriebspause werden unter anderem die Komponenten der Kühlwasseranlage erneuert und erweitert – eine überaus drängende Aufgabe. Wir spüren es gerade deutlich: Die Sommer in Berlin werden immer heißer. Das ist nicht nur für die Menschen belastend, sondern bringt auch die Kühlung von BESSY II an ihre Grenzen. Bei der Inbetriebnahme 1998 von BESSY II gab es nur zwei Kühltürme, 2010 kam der dritte hinzu – und nun wird der vierte (!) aufgebaut. „Dadurch erhöhen wir unsere Kühlkapazität um 650 Kilowatt das sind gut 30 Prozent“, erklärt Bernhard Nonn, der die Arbeiten dieses Projekts koordiniert. Doch mit dem neuen Kühlturm ist längst nicht alles getan: „Wir brauchen auch größere Pumpen, größere Rohrleitungen und neue moderne Steuer- und Regelkomponenten, damit die Kühlwasseranlage zuverlässig läuft. Bei vielen Komponenten gab es in den letzten Jahren erhebliche technologische Fortschritte, so dass sich die Erneuerung lohnt“, so Nonn. Die Experten haben die neuen Komponenten bereits eingebaut und nehmen nun die Inbetriebnahme der Kühlwasseranlage in Angriff.

Anfang September kommt der vierte Kühlturm

Der neue Kühlturm wird dann in der ersten Septemberwoche erwartet. „Einen Kühlturm aufzubauen, klingt nach einer eher kleinen Sache. Dahinter steht aber eine riesige Logistik“, erklärt Christian Jung, der zusammen mit Ingo Müller die verschiedenen Arbeiten im Shutdown koordiniert. Die Kühltürme befinden sich nämlich im Innenhof in der Mitte des Ringgebäudes. Um den vierten Turm dorthin zu bugsieren, ist ein Kran erforderlich, der einen 90 Meter langen Ausleger hat. „So einen großen Kran haben wir noch nie gebraucht“, sagt Müller. Um die nötige Bewegungsfreiheit für den Kran zu schaffen, müssen draußen rund um den Aufstellort erst einmal Wertstoffpressen und andere Komponenten aus dem Weg geräumt werden.

Christian Jung zeigt in seinem Büro auf einen bunt eingefärbten Zeitplan mit vielen Zeilen. Dort sind alle im Shutdown geplanten Arbeiten eingetragen, einige sind schon abgearbeitet:  So wurden im Kontrollraum sechs zusätzliche große Monitore angebracht. Sie erleichtern es den Operateuren und Mitarbeitern im Hallendienst, die verschiedenen Prozessparameter im Blick zu behalten. „Sie haben nun mehr Freiheitsgrade, was sie sich anzeigen lassen können“, sagt Ingo Müller. Dass dafür ein Klimagerät umgesetzt werden musste, erwähnt er beiläufig. Wie üblich steckt auch hier mehr Logistik dahinter, als man auf den ersten Blick sieht.

Neu installiert: Die „Multiple Helium-Transfer-Leitung"

Gut vorangekommen ist auch ein weiteres Projekt, bei dem die Kollegen starke Nerven zeigen mussten: Im Winter wurde eine Kryoanlage (Coldbox) für die Kühlung von supraleitenden Kavitäten in die Experimentierhalle eingebracht – dafür wurde sogar das Hallendach von BESSY II geöffnet. Während dieses Shutdowns wird die Anlage nun mit der Versorgungsbox verbunden. Dafür haben die Fachleute ein massives Rohr unterhalb der Hallendecke verlegt – sie nennen es elegant „Multiple Helium-Transfer-Leitung (MTL)“. Darin sind sechs verschiedene Leitungen für die Kühlung mit Helium auf unterschiedlichen Temperaturniveaus untergebracht. Und warum braucht man dafür gute Nerven? „Weil die Leitung so dicht unter der Decke angebracht werden sollte, konnten wir den Deckenkran nicht nutzen. Also mussten wir mit den seitlichen Kränen arbeiten, was anfangs nicht geplant war. Wir haben ganz schön geschwitzt, aber dank der Profis vor Ort ist alles glatt gelaufen“, zeigt sich Christian Jung beeindruckt.

Ingo Müllers Telefon klingelt: Die Leute, die das Strahlenschutzlabyrinth aufbauen, sind da. Er springt auf und ruft im Vorbeigehen: „Tut mir leid, da muss ich kurz hin.“ Hier sollen Komponenten für die supraleitenden Kavitäten getestet werden – und es braucht eine entsprechende Abschirmung. „Auch das ist eins der zahlreichen Projekte, die die HZB-Kollegen während der BESSY-Betriebspause umsetzen“, sagt Christian Jung und zählt noch viele weitere Aktionen von der Liste auf.

Einen Shutdown planen ist wie ein Mosaik zusammenfügen

Shutdown bei BESSY II – das bedeutet vor allem ein extrem eng getaktetes und aufeinander abgestimmtes Arbeiten. Damit den Nutzerinnen und Nutzern möglichst wenig Zeit verloren geht, wird die Betriebspause auf das absolute Minimum begrenzt. Christian Jung und Ingo Müller müssen vorher jedes Detail durchdenken und Alternativen abwägen, bevor sie eine Lösung finden, die alle zufriedenstellt. Jede noch so unscheinbare Arbeit kann sich im Laufe der Planungen als sehr komplex entpuppen – und bedeutet vor allem eins: kommunizieren, kommunizieren, kommunizieren. Weil viele Mitarbeiter aus verschiedenen Abteilungen und Fremdfirmen an den parallel stattfindenden Aktionen im Shutdown beteiligt sind, müssen frühzeitig Pläne erstellt werden. Und alle Einzelprojekte müssen sich dabei zu einem großen Ganzen fügen. „Was wir tun, ist nichts anderes, als ein Mosaik zusammenzubauen. Damit es im Shutdown schnell geht, überlegen wir uns vorher, wie wir die Teile des Mosaiks am besten zurechtlegen, so dass wir sie nur noch greifen müssen“, sagt Christian Jung.

Und wie beeinflusst Corona die Arbeiten?

Und wie beeinflusst Corona die Arbeiten? „Wir haben hohe Sicherheitsvorschriften, unter anderem tragen die Personen einen Mund-Nasen-Schutz in der Halle und es wird eine Anwesenheitsliste an der Pforte geführt“, sagt Jung. Zu einem Zeitverzug sei es durch Corona schon gekommen, weil eine Firma länger für die beauftragten Arbeiten braucht als anvisiert. „Das ist ärgerlich, aber die Verlängerung des Shutdowns auf neun Wochen war trotzdem unvermeidlich. Deshalb ziehen wir einige Aufgaben, die erst nächstes Jahr dran gewesen wären, vor. So können wir die Betriebspause im nächsten Jahr verkürzen.“ 

Und dennoch stimmt die Situation Christian Jung nachdenklich: „Wir haben plötzlich viel mehr Unsicherheiten bei unseren Planungen. Denn wissen wir, ob eine hochspezialisierte Firma, die wir für unsere Arbeiten im Ring brauchen, im nächsten Jahr noch am Markt ist?“ Für Planer, die es gewohnt sind, alles frühzeitig festzuzurren, ist das unbefriedigend. Doch sollten solche Situationen tatsächlich eintreten, kommt eine weitere Stärke zum Glänzen: Die eingespielten Teams wissen genau, dass sie auch mit ungeplanten Herausforderungen fertigwerden.

 

Text: Silvia Zerbe