Bildgenese und Maltechnik

Rembrandt Harmensz van Rijn, Junge Frau an geöffneter Obertür - Hendrickje Stoffels (Detail: Gesicht)

Durch die Auswertung technischer Aufnahmen und kunsthistorischer Daten lassen sich Änderungen einzelner Motive oder Bildbereiche sowie verschiedene übereinander liegende Fassungen von Darstellungen belegen, so dass in vielen Fällen die Bildgenese eines Gemäldes rekonstruierbar ist. Je mehr technische Untersuchungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen, desto genauere Rückschlüsse lassen sich auch in Hinsicht auf die Maltechnik und den Entstehungsprozess ziehen. Rembrandt ging bei seinen Arbeiten meist sehr experimentell und kreativ vor, so dass die Rekonstruktion des maltechnischen Aufbaus und der Bildgenese seiner Gemälde oftmals sehr kompliziert ist.

Nur im Zusammenhang mit der Untersuchungsmethode der Neutronenautoradiographie und mit Hilfe der Gammaspektroskopie ist eine Elementanalyse der im Bild vorhandenen Pigmente über die gesamte Bildfläche möglich, anders als bei der Entnahme von Farbpartikeln, die nur eine punktuelle Aussage erbringt. Auf diese Weise kann auch eine vom üblichen Verfahren abweichende Verwendung von Pigmenten nachvollziehbar gemacht werden.

Die so gewonnenen Erkenntnisse lassen Rückschlüsse auf den Entstehungsprozess und Rembrandts maltechnischen Eigenheiten zu und geben Antworten auf Fragen wie beispielsweise:

Wie sah der ursprüngliche Bildaufbau aus? Was für Aussagen lassen sich zum Schichtenaufbau des Gemäldes machen? Gibt es aufgrund der Analyse der Maltechnik, der verwendeten Malmittel oder der Bildgenese Hinweise in Bezug auf die Zuschreibung eines Gemäldes? Ergeben sich aufgrund der maltechnischen Auswertung Anhaltspunkte für die Datierung des Gemäldes? Welche Pigmente kamen zur Anwendung? Lassen sich verschiedene Stadien des Arbeitsprozesses rekonstruieren? Ist die Abfolge von Änderungen nachvollziehbar? Ist es möglich, Einblick in die Bilderfindung und Denkweise Rembrandts bei der Konzeption und Ausarbeitung eines Gemäldes zu erhalten? Wie lassen sich diese Erkenntnisse in die bisherige Forschung zu Rembrandts Oeuvre einordnen?

Technische Aufnahmen des Gemäldes Junge Frau an geöffneter Obertür von Rembrandt zeigen verschiedene Armmotive der Frau. Unter der heutigen Version liegen zwei vorangehende, von Rembrandt jedoch wieder verworfene Bildentwürfe.


Auf der letzten Neutronenautoradiographie, die Beinschwarz und Zinnoberrot sichtbar macht, sind die beiden von Rembrandt konzipierten und wieder übermalten Armhaltungen gut zu erkennen. Danach malte Rembrandt Hendrickjes Arm zunächst in angewinkelter Form über ihrem Kopf. Dieses Motiv wurde von ihm nicht nur als Fläche angelegt, sondern bereits  farblich ausgeführt. Anschließend verwarf Rembrandt das Motiv, indem er mit einem breiten Spachtel, dessen Spuren deutlich im linken oberen Bereich zu erkennen sind, die Farbe entfernte.
Unterhalb des heute an der Türrahmung abgestützten Armes findet sich noch eine weitere, zunächst angelegte Position: hier zeichnet sich eine Armmotiv ab, das eine entspannt aus dem Handgelenk knickende Hand zeigt. Die drei verschiedenen Versionen der Handhaltung sind hier aufgefächert nebeneinander zu erkennen. Im Unterschied zu der Version des nach oben geführten Armes, wurde das Handmotiv jedoch nicht in Farbe ausgeführt, sondern nur eine Aussparung angelegt.

Mit Hilfe der Neutronenautoradiographie ist mitunter auch der Pinselduktus sehr gut nachvollziehbar. Dies ist beispielsweise bei dem Bild Junge Frau an geöffneter Obertür der Fall, wo im Bereich ihrer linken Armbeuge ein rascher, schwungvoller und mit breitem Borstenpinsel ausgeführter Pinselstrich zu erkennen ist, der souverän und sicher aufgetragen wurde.

Die Mikroskop-Aufnahme zeigt ein Detail von  Simsons Gewand, seinen Schal. Hier ist gut zu erkennen, wie Rembrandt Strukturen und Muster in die noch nasse Farbe einkratzte und damit das wirkungsvolle Erscheinungsbild von kostbaren Stoffen noch verstärkte.


Rembrandt-Forschungsprojekt: Untersuchung folgender Aspekte: