Katalyseforschung mit dem Röntgenmikroskop an BESSY II

TXM-Aufnahmen von Cu<sub>2</sub>O-W&uuml;rfeln (rosa) und metallischen Kupferpartikeln (gelb) zu unterschiedlichen Zeitpunkten: vor der Reaktion (a), nach 25 Minuten (b), 50 Minuten (c) und 75 Minuten (d). Dazu wurden zeitgleich spektroskopische TXM-Aufnahmen gemacht, die zeigen, wie sich die Kupferverbindungen ver&auml;ndern (siehe auch in der Publikation doi:10.1038/s41563-024-02084-8).

TXM-Aufnahmen von Cu2O-Würfeln (rosa) und metallischen Kupferpartikeln (gelb) zu unterschiedlichen Zeitpunkten: vor der Reaktion (a), nach 25 Minuten (b), 50 Minuten (c) und 75 Minuten (d). Dazu wurden zeitgleich spektroskopische TXM-Aufnahmen gemacht, die zeigen, wie sich die Kupferverbindungen verändern (siehe auch in der Publikation doi:10.1038/s41563-024-02084-8). © HZB

Anders als in der Schule gelernt, verändern sich manche Katalysatoren doch während der Reaktion: So zum Beispiel können bestimmte Elektrokatalysatoren ihre Struktur und Zusammensetzung während der Reaktion verändern, wenn ein elektrisches Feld anliegt. An der Berliner Röntgenquelle BESSY II gibt es mit dem Röntgenmikroskop TXM ein weltweit einzigartiges Instrument, um solche Veränderungen im Detail zu untersuchen. Die Ergebnisse helfen bei der Entwicklung von innovativen Katalysatoren für die unterschiedlichsten Anwendungen. Ein Beispiel wurde neulich in Nature Materials publiziert. Dabei ging es um die Synthese von Ammoniak aus Abfallnitraten.

Ammoniak (NH3) ist ein Grundbestandteil von Dünger und sichert weltweit die Produktivität der Landwirtschaft. Bisher wird Ammoniak industriell mit hohem Energieaufwand über das Haber-Bosch-Verfahren synthetisiert. Dabei entstehen relevante Mengen an Treibhausgasen, die den Klimawandel vorantreiben. Mit der Entwicklung von alternativen Methoden könnte Ammoniak mit deutlich weniger Treibhausgas-Emissionen produziert werden.

Katalysatoren für die Ammoniak-Synthese mit weniger Emissionen

Dazu gibt es vielversprechende Ansätze. So hat ein Team aus dem Fritz-Haber-Institut einen Katalysator auf Basis von nanokristallinem Kupferoxid untersucht. Während der katalytischen Reaktion wandelte sich ein zunehmender Anteil dieser Nanokristalle in metallische Partikel aus reinem Kupfer um.

Neue Einblicke am Röntgenmikroskop TXM

Unter dem Transmissions-Elektronenmikroskop (TEM) ließen sich die morphologischen Veränderungen dokumentieren, doch um Aufschluss über die chemischen Prozesse während der Reaktion zu gewinnen, arbeitete das FHI-Team mit der Gruppe um Prof. Gerd Schneider am HZB zusammen. Das Transmissions-Röntgenmikroskop (TXM) ist weltweit einzigartig für die Katalyse-Forschung, da die Katalysatoren im gleichen Objekthalter sowohl in TEM als auch im TXM untersucht werden können, um komplementäre Informationen zur Katalyse zu gewinnen. Als Operando-Mikroskop ermöglicht das TXM auf der Nanoskala spektroskopische Daten zu ermitteln und damit eine Analyse von chemischen Prozessen und Reaktionen.

„Wir konnten zeigen, dass für längere Zeiträume sowohl Kupferdioxid- als auch metallische Kupferpartikel existieren und durch bestimmte Oberflächenhydroxid-Gruppen kinetisch stabilisiert werden“, sagt HZB-Physiker Dr. Christoph Pratsch aus dem Team um Schneider, der die TXM-Untersuchungen durchgeführt hatte.

Wechselwirkungen sind entscheidend für die Effizienz

Die Zusammensetzung dieser Mischung und die Form der entwickelten Katalysatoren hängen stark vom angelegten elektrischen Potenzial, der chemischen Umgebung und der Reaktionsdauer ab. Die Wechselwirkung zwischen dem Elektrolyten und dem Katalysator ist dabei ausschlaggebend für den Ertrag an Ammoniak und damit für die Effizienz der gewünschten Reaktion.

Ausblick: Zwei neue Röntgenmikroskope

Aktuell arbeitet das Röntgenmikroskopie-Team an der Entwicklung zweier neuer Mikroskope. Ein neues TXM wird routinemäßig vom weichen bis in den tender Röntgenbereich spektromikroskopische Untersuchung auch unter Ausnutzung der Phasendrehungen der Röntgenwellen im Objekt ermöglichen. Zudem steht ein neuartiges Raster-Röntgenmikroskop kurz vor der Fertigstellung: „Hier werden wir über die Messung der Elektronenemission sowohl Prozesse im Inneren als auch an den Oberflächen von Katalysatoren unterscheiden können“, erläutert Gerd Schneider. Zusätzlich können mittels Röntgenfluoreszenz die Elementverteilungen in nanoskaligen Katalysatoren gemessen werden. Die neuen Mikroskope können bereits an BESSY II genutzt werden. Aber ihr volles Potenzial werden sie erst an der Nachfolgequelle BESSY III entfalten, die 2035 in Betrieb gehen soll. Dann werden die beiden neuen Instrumente noch weitaus tiefere Einblicke in katalytische Abläufe ermöglichen.

arö

  • Link kopieren

Das könnte Sie auch interessieren

  • Neues Kontaktmaterial steigert Wirkungsgrad von Perowskit-Solarzellen
    Science Highlight
    16.07.2026
    Neues Kontaktmaterial steigert Wirkungsgrad von Perowskit-Solarzellen
    Ein neu entwickeltes Material für den Elektronenkontakt verbessert die Wirkungsgrade von Perowskit-Einzelsolarzellen und Perowskit/Silizium Tandemsolarzellen. Das neue Material basiert auf einem Carboran-Molekül und bietet gegenüber dem bisher genutzten Standardmaterial aus so genannten Fußballmolekülen eine Reihe von Vorteilen, zeigt die Studie, die federführend von einem Team um Steve Albrecht erarbeitet wurde. Inzwischen ist das Material patentiert und kommerziell erhältlich.
  • BESSY II: Neue Probenumgebung erlaubt Einblick in thermokatalytische Prozesse
    Science Highlight
    15.07.2026
    BESSY II: Neue Probenumgebung erlaubt Einblick in thermokatalytische Prozesse
    Eine neuartige Messzelle ermöglicht erstmals Untersuchungen mit weicher und harter Röntgenstrahlung unter hohen Drücken von bis zu 20 bar und Temperaturen von bis zu 400 °C. Dies liefert neue Erkenntnisse über thermokatalytische Prozesse, wie beispielsweise die Fischer-Tropsch-Synthese zur Herstellung synthetischer Kraftstoffe. Die Entwicklung der Messzelle gilt als Meilenstein im Rahmen des Care-O-Sene-Projekts.
  • Präzise Grenzflächenchemie steigert Wirkungsgrad von Perowskit-Solarzellen
    Science Highlight
    14.07.2026
    Präzise Grenzflächenchemie steigert Wirkungsgrad von Perowskit-Solarzellen
    Im Rahmen einer internationalen Forschungskooperation wurde eine neue molekulare Strategie entwickelt, um eine der Grenzflächen in Perowskit-Solarzellen zu verbessern. Die daraus resultierenden Solarzellen erreichten in der n-i-p-Architektur einen Energieumwandlungswirkungsgrad von 26,19 % bei gleichzeitig hoher Betriebsstabilität unter längerer Bestrahlung und erhöhten Temperaturen. Die Ergebnisse wurden im „Journal of the American Chemical Society“ veröffentlicht.