Mit 60 zu alt für die Forschung? Vom Kernphysiker zum Papyrus-Forscher
Wer sich für einen Beruf in der Wissenschaft entscheidet, findet oft persönliche Erfüllung. Dafür muss man auch Unplanbarkeit in Kauf nehmen: Themen werden nicht mehr gefördert oder Labore geschlossen. Wie im Fall von Heinz-Eberhard Mahnke, der sich mit Anfang 60 nach neuen Aufgaben umsehen musste. Heute ist der 81-Jährige immer noch aktiv in der Forschung und untersucht mit zerstörungsfreien Messmethoden antike Kulturgüter von unschätzbarem Wert. Antonia Rötger sprach mit dem Physiker über seinen außergewöhnlichen Karriereweg.
Vor 20 Jahren wurde das Ionenstrahllabor am damaligen Hahn-Meitner-Institut, einer Vorgängereinrichtung des HZB, geschlossen. Als ehemaliger Co-Leiter mussten Sie sich nach neuen Aufgaben umsehen. Das war sicher nicht einfach, gegen Ende der Karriere noch ein neues Tätigkeitsfeld zu finden. Wie haben Sie das geschafft?
Heinz-Eberhard Mahnke: Ich hatte schon immer ein großes Interesse an der Kulturgutforschung. Und als die Helmholtz-Gemeinschaft beschlossen hatte, Ende 2006 das Ionenstrahllabor zu schließen, habe ich ein Sabbatical beantragt. 2007 habe ich das Labor abgewickelt. 2008 und 2009 bin ich dann für jeweils ein halbes Jahr nach Paris gegangen, an das Forschungslabor C2RMF, das direkt an den Louvre angrenzt.
Warum genau in dieses Forschungslabor?
Ich hatte in den Jahren davor schon deutsch-französische Sommerschulen organisiert und kannte dieses Labor. Das C2RMF steht für Centre de Recherche et de Restauration des Musées de France. Alle französischen Museen können hier ihre Objekte untersuchen lassen. Über einen unterirdischen Tunnel ist dieses Labor mit dem Louvre verbunden, im Prinzip könnte man die Mona Lisa am Abend hinbringen und gleich nach der Untersuchung wieder zurück. Dort gibt es auch einen kleinen Beschleuniger für Ionenstrahlanalytik. Zusätzlich wollten sie eine neuartige Röntgenquelle, eine „Inverse Compton Source“ installieren. Aber ich habe schnell gemerkt, dass das Konzept dafür eigentlich schon stand, und habe mich gefragt, was ich noch dazu beitragen könnte.
Und dann haben sie Paris genossen und die Physik vergessen?
Nein, ich war damals schon ganz gut vernetzt und habe mit vielen Fachleuten aus der Kulturgutforschung, der Archäometrie und Archäologie gesprochen. Und da bin ich auf die Idee gekommen, dass wir eine neue Konferenzreihe brauchen, zu „Wissenschaftlichen Methoden in der Kulturgutforschung“. Das habe ich angestoßen und dann auch umgesetzt. Bis heute findet alle zwei Jahre eine Konferenz dazu statt. Und zwar als Gordon-Research-Conference; das ist ein hochangesehenes Konzept, seit Jahrzehnten erfolgreich zu Themen aus Physik, Chemie und Biologie. Die Grundidee ist, dass die Leute sich über Gedanken und Befunde austauschen, die noch nicht abgeschlossen sind. Dass sie frei miteinander diskutieren, das ist der zentrale Punkt.
Ab wann haben Sie selbst zur Forschung an antiken Objekten beigetragen?
Ich war bei der ersten Gordon Research Conference im Jahr 2012 mehr oder weniger nur der Manager. Aber ich wollte auch einen inhaltlichen Beitrag liefern und habe bei der Papyrus-Sammlung im Ägyptischen Museum, Berlin, nachgefragt, ob es da ein Objekt gäbe, das wir untersuchen könnten. Schließlich haben wir aus der Ausstellung ein kleines Salbgefäß genommen, das mit einer Art Korken verschlossen war. Dieser Korken bestand aus Papyrus. Die Frage war, ob sich darauf Schriftzeichen finden und entziffern lassen. Zeitgleich habe ich die Aufführung der Oper Echnaton von Philip Glass im ehemaligen Flughafen Tempelhof mitorganisiert. Daraufhin rief mich Verena Lepper, die Kuratorin für die Papyrus-Sammlung, an und wir kamen ins Gespräch über die weitgehend unerforschten Papyri von Elephantine. Dann haben wir in Windeseile einen Antrag geschrieben und schließlich beim European Research Council eingereicht. Und dieser Antrag war erfolgreich, die Förderung wurde sogar verlängert.
Was wollten Sie bei dem Elephantine-Projekt herausfinden?
Elephantine ist eine Insel im Nil, im Süden von Ägypten, eine Multi-Kulti-Gesellschaft über mehr als vier Jahrtausende, hier lebten Menschen unterschiedlicher Herkunft, sprachen unterschiedliche Sprachen, es handelte sich vermutlich um eine sehr lebendige Gesellschaft. Tausende von Papyrusfragmenten, Papyrusrollen oder gefalteten Papyrusschriften stammen von dort. Und natürlich kann man die Papyri nicht einfach aufrollen oder entfalten, um die Schriftzeichen lesbar zu machen. Das würde sie zerstören. Hier setzen wir also mit unseren Methoden an.
Wie kommt dabei der Beschleuniger SESAME in Jordanien ins Spiel?
2022 wurde ich eingeladen, über das Projekt Elephantine zu berichten. Daraufhin haben wir Anträge auf Messzeit gestellt. Ich war 2024 und 2025 dort und habe einige nicht ganz so wertvolle Objekte quasi als Machbarkeitsstudie durchleuchtet. Und jetzt haben wir einen weiteren Vorschlag eingereicht: Papyrus-Objekte aus einem anderen Fundort, echte Unikate. Wir warten nur auf das Ende des Krieges, um messen zu können.
Was reizt Sie, an SESAME zu arbeiten?
SESAME ist absolut modern und auf dem Stand der Technik. Es ist zum Beispiel erstaunlich wenig bekannt, dass der Strom für SESAME aus Solarmodulen kommt und alle Mitarbeitenden ihr Auto kostenlos aufladen können. Aber noch wichtiger: SESAME ist ein unglaublich beeindruckendes Projekt, das von acht Staaten getragen wird, die sich offiziell nicht freundlich gesinnt sind. Jordanien, Zypern, Ägypten, Iran, Israel, Pakistan, Türkei und die Palästinenserbehörde. Die müssen sich einmal im Jahr treffen, um das Budget zu verabschieden. Letztes Jahr kamen sie in Hamburg bei DESY zusammen und da war als Ehrenvorsitzender Herwig Schopper noch dabei, der damals SESAME mit auf den Weg gebracht hat. Mit seinen 101 Jahren hat Schopper aus dem Stegreif eine flammende Rede gehalten: „Es gibt auch eine Zeit nach dem Krieg und man muss zusehen, dass man die Kontakte nicht verliert.“
Mit 81 Jahren scheint sich immer noch alles in Ihrem Leben um die Forschung zu drehen. Bleibt da noch Zeit für andere Hobbys oder ganz normale Ruhestand-Tätigkeiten?
Dass ich weiterhin aktiv in Forschungsprojekte eingebunden bin, hält mich sicherlich fit. Ich muss im Kontakt mit Jüngeren bestehen und kann gleichzeitig meine Expertise einbringen. Dass dies noch möglich ist, macht mich froh. Außerdem wandere ich gerne, vor allem in den Bergen, kümmere mich um meine Enkel in Namibia und in Berlin und den Garten. Meine große Leidenschaft gilt aber der Musik: Ich bin seit Jahrzehnten im Konzertchor Berliner Cappella aktiv. Dort habe ich auch einige Konzertprojekte verantwortet, u.a. die Aufführung der Oper „Echnaton“ von Philip Glass. Und auch ein Theaterstück zu Lise Meitner konnte ich anstoßen: „KERNFRAGEN - Gedenken an Lise Meitner“ vom Portraittheater Wien. 2018 wurde es in Berlin uraufgeführt.
Vielen Dank für das Gespräch!
Hintergrundinfos:
Heinz-Eberhard Mahnke hat an der Freien Universität Berlin Physik, Mathematik und Chemie studiert und ist bis heute Honorarprofessor am Fachbereich Physik der FU Berlin. Außerdem war er assoziiertes Mitglied beim Exzellenzcluster TOPOI und Mitglied am Einstein Center Chronoi. Aktuell ist er Gastwissenschaftler am Ägyptischen Museum und Papyrussammlung und untersucht Papyri an Röntgenquellen wie BESSY II, ESRF, PETRA III und SESAME sowie an den Laborgeräten des HZB-Instituts Elektrochemische Energiespeicherung (Imaging Gruppe, insbesondere mit T. Arlt, N. Kardjilov, I. Manke). Mit der Vorlesungsreihe „Archaeometry“, die er im Herbst 2025 an der Cairo University gehalten hat und im Oktober 2026 an der Yarmouk University in Jordanien hält, trägt er dazu bei, die Röntgenquelle SESAME in der Region bekannt zu machen.
Von der Nilinsel Elephantine sind Tausende Texte auf Papyrus und auf Tonscherben aus etwa 4000 Jahren überliefert. Ein Teil des Forschungsprojekts hat sich damit befasst, die gefalteten Papyri „virtuell“ – also rechnerisch – zu entfalten und dadurch lesbar zu machen. Dafür mussten Fachleute aus Geisteswissenschaft, Physik und Informatik eng zusammen arbeiten.