Klangkunst und Beschleunigerphysik: Wie geht das zusammen?

© HZB

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Es war von Anfang an ein ungewöhnliches Experiment. Im Frühjahr 2016 traf der Klangkünstler und Komponist Gerriet K. Sharma zum ersten Mal auf die Beschleunigerexperten vom HZB. Die Physiker arbeiteten gerade eine ungewöhliche Idee für den Ausbau des Elektronenspeicherrings aus. Die Chemie stimmte: Der Künstler und die Beschleunigerphysiker haben sich – trotz aller Vorsicht und anfänglichen Skepis – zusammengetan. Herausgekommen ist anderthalb Jahre später die Komposition „gleAM“.  Kürzlich wurde das Stück auf dem renommierten Akustikfestival KONTAKTE17 der Akademie der Künster uraufgeführt – und von Kritikern gefeiert. Ich habe den Künstler gefragt, warum er sich auf dieses Experiment eingelassen hat.

Wie haben Sie die Uraufführung bei der KONTAKTE17 erlebt?

Gerriet K. Sharma: Vor der Aufführung war ich angespannt. Wir konnten vor Ort leider nicht richtig proben und es gab bis zuletzt viele organisatorische Unsicherheiten. Ich war auch sehr gespannt, wie die Reaktionen der Beschleunigerexperten des HZB sein würden, die die Komposition vorher noch nicht gehört hatten. Hinzu kommt: Die KONTAKTE17 ist eines der wichtigsten Festivals für elektronische Musik und hat ein kritisches Expertenpublikum.

Ist die Aufführung denn gut gegangen?

Das Konzert lief viel besser, als ich aufgrund der Umstände erwarten durfte. Die Reaktionen des Publikums haben mich tatsächlich überwältigt. Ich konnte zunächst nicht abbauen, weil ich von einer Traube Menschen umringt war, die das Stück auf verschiedene Weisen angesprochen hatte und die mir ihre Gedanken und Fragen mitteilen wollten. Nach dem Konzert war ich sehr froh und überfordert zugleich.

Was ist das Besondere an Ihrer Komposition?

Die künstlerische Motivation war, Klang-Skulpturen zu BESSY VSR zu entwickeln und sie mit dem Ikosaederlautsprecher, einer ungewöhnlichen Klangprojektionstechnik, erfahrbar zu machen. Wichtige motivische Grundlagen meiner Komposition sind Interferenzen elektromagnetischer Wellen, hochfrequentes Beamforming und supraleitende Kavitäten. Die Herausforderung bei dem Projekt war, Schnittmengen zwischen Kunst und Wissenschaft zu finden, ohne eine Seite zu vereinnahmen.

Haben Sie diese Schnittmenge denn gefunden?

Ich hoffe, dass meine Arbeit diese Schnittmenge erfahrbar macht. Ich habe am Anfang einen großen Vertrauensvorschuss von den Beschleunigerphysikern Godehard Wüstefeld, Martin Ruprecht und Paul Goslawski bekommen. Das lag zum großen Teil an Kerstin Berthold, die das Projekt begleitete und immer wieder Gespräche zwischen uns angestoßen hat. Es gab überraschende Parallelen bei den Arbeitsweisen zwischen mir und den Physikern. Die HZB-Wissenschaftler gehen mit ihren Ideen für BESSY VSR einen wirklich neuen Weg. Was sie vorhaben, hat noch niemand vor ihnen geschafft. Auch ich habe einen bis dato unbeschrittenen Weg gewählt, als ich entschied, mit dem Ikosaederlautsprecher zu arbeiten, an dessen Entwicklung ich mit beteiligt war. Das Gerät war ursprünglich ein wissenschaftliches Messgerät und nie als musikalisches Instrument konzipiert worden. Noch vor einigen Jahren haben viele aus meinem Metier gesagt: Lass es lieber bleiben. Aber ohne Risiko einzugehen, kann nichts Neues entstehen – weder in der Wissenschaft noch in der Kunst.

Warum kommt dem Ikosaederlautsprecher eine bedeutende Rolle zu?

Ich nutze den Ikosaederlautsprecher, weil er eine spezielle Klangprojektionstechnik, das Beamformen, ermöglicht. Dadurch können Klänge extrem stark gebündelt und plastisch im Raum erfahrbar gemacht werden. Mir geht es darum, die Körpererfahrung von Klang und Technik bis ins Extreme auszureizen. Die Zuhörer sollen sich dabei fragen: Moment mal, was macht meine Wahrnehmung mit mir? Was stellt die Technik mit uns an? Und wie hängt beides zusammen?

Wie sind Sie vorgegangen, die Ideen von BESSY VSR umzusetzen?

Die Beschleunigerphysik, auf der BESSY VSR basiert, ist sehr anspruchsvoll. Ich habe begonnen, viele Veröffentlichungen zu lesen: welche über Akustik für mein eigenes Doktorat und welche über Licht. Die Frage, die mich leitete, war: Wie komme ich an die richtigen Klänge von VSR? Die Komposition sollte ja nicht irgendetwas wiedergeben, was ich mir selbst zusammengereimt habe. Wir haben oft zusammen gesprochen und die Physiker haben mir unter anderem Auswertungen und technische Daten gegeben, aus denen ich Klänge im Raum geformt habe. Daran habe ich zwei Jahre gearbeitet.

War es schwer, mit den Beschleunigerphysikern eine gemeinsame Sprache zu finden?

Als ich vor zwei Jahren von Kerstin Berthold angesprochen wurde, dachte ich: So ein Projekt ist fast unmöglich, aber man sollte es bei aller Vorsicht unbedingt wagen. Bei einem gemeinsamen Gespräch sagte Paul Goslawski: „Es geht nicht darum zu sagen: Das ist jetzt wahr, sondern das ist weniger falsch.“ Unter anderem solche Gedanken verbinden uns. Beide Seiten wollen mehr über die Welt herausfinden, jeder mit seinen Hypothesen und Methoden. Drei Dinge waren schließlich die Voraussetzung für die geglückte Zusammenarbeit: unsere Neugier, das Vertrauen ineinander und die Bereitschaft zum Risiko.

Über den Künstler:

Gerriet K. Sharma studierte Medienkunst, Komposition und Computermusik in Köln und Graz und promovierte über „Komponieren mit skulpturalen Klangphänomenen in der Computermusik”. Sharma erhielt u.a. den Deutschen Klangkunstpreis 2008 und ist derzeit (DAAD) Edgar Varèse Gastprofessor an der TU Berlin.

Silvia Zerbe

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