“Ich wünsche mir für die Zukunft mehr Forschende aus Afrika”

© TUKNews-Magazine Dec. 2022

Antje Vollmer auf der Brücke in der Experimentierhalle, ihrem Lieblingsort von BESSY II. 

Antje Vollmer auf der Brücke in der Experimentierhalle, ihrem Lieblingsort von BESSY II.  © Florentine Krawatzek/HZB

Ende Juni 2023 findet das BESSY@HZB Nutzertreffen statt. Zum ersten Mal wird es ein Partnerland, Kenia geben. Antje Vollmer, BESSY II-Sprecherin erzählt, wie es dazu kam und warum es wichtig ist auf Augenhöhe mit Forschenden aus anderen Ländern zu arbeiten.

Science Diplomacy ist für Antje Vollmer schon seit langem ein zentrales Thema. Sie erinnert sich, dass ein Vortrag von Rolf-Dieter Heuer1 sie besonders geprägt hat: „Er sprach über die Bedeutung von CERN über die Wissenschaft hinaus, und die Rolle der Großforschungseinrichtungen für die internationale Zusammenarbeit und die Wissenschaftsdiplomatie.“ Bei BESSY II sind über Jahre hinweg internationale Kooperationen in diese Richtung geknüpft worden, u. a. der enge Kontakt zu SESAME2. Eine wesentliche Rolle haben auch die transnationalen Access-Programme wie CALIPSOplus gespielt, in denen neben der Förderung der Mobilität der Nutzerschaft auch gezielt durch Twinningprogramm3 die europäische Integration vorangebracht wurde.

 „CALIPSOplus ist 2015 gestartet. Um die Möglichkeiten der europäischen Röntgenquellen darzustellen, und die Kolleginnen und Kollegen in den EU13-Ländern mit unseren Anlagen vertraut zu machen, bin ich zu 15 Universitäten gereist. Vor Ort habe ich die Leute und ihre wissenschaftlichen Strukturen kennengelernt, für die gemeinsame Zusammenarbeit war das außerordentlich erhellend.“ Bis Ende dieses europäischen Programms (2021), haben viele Twinning-Messzeiten mit dem HZB stattgefunden. „Daraus sind eigenständige Proposals entstanden, die neuen Nutzergruppen kommen jetzt regelmäßig zu BESSY II und bilden damit auch einen Kristallisationskeim für internationale Zusammenarbeit an ihrer Universität,“ unterstreicht Antje Vollmer.

Von Adlershof nach Nairobi

Im Herbst 2022 packt Antje ihren Koffer und reist nach Kenia, Afrika. Einige Monate vorher hatte sie Lucy Ombaka, Forscherin an der Technischen Universität (TU) von Kenia bei der online Jahrestagung der Alexander von Humboldt Stiftung kennengelernt. „Als in der Pandemie die online-Konferenzen zugenommen haben, war ich zunächst skeptisch. Doch plötzlich waren wir aus 23 Ländern wie Myanmar, Bangladesch, Kenia… bei dieser Jahrestagung und ich war begeistert, dass wir gemeinsam in einem, wenn auch virtuellen Raum waren und uns austauschen konnten.“

In den Monaten nach dem online-Treffen knüpfen die beiden Frauen Kontakt und tauschen sich über die Forschung am HZB und an der TU von Kenia aus. Lucy ist dort Gruppenleiterin und forscht zum Thema Wasserstoff. „Sie hat das HZB besucht und mich dann nach Nairobi eingeladen. Drei Vorträge und drei Tutorials in vier Tagen, das war ein intensives Programm. Besonders habe ich mich über das Interesse, die Neugierde und den Enthusiasmus gefreut, den ich bei den Studierenden und Lehrenden gefühlt habe. Da ist ein sehr starkes persönliches Engagement hinter den Forschungsthemen!“

Kenia ist Partnerland beim Nutzertreffen 2023

„Gemeinsam mit Lucy haben wir überlegt, Studierende zum BESSY@HZB Nutzertreffen einzuladen, erzählt Antje mit glänzen Augen, einige kamen sogar schon zur Photon School im April.“
Ende Juni werden 17 Forschende aus sechs verschiedenen Unis in Kenia zunächst drei Tage an verschiedenen Beamlines an BESSY II hospitieren und dann am Nutzertreffen teilnehmen. „Ich finde es eine großartige Chance gemeinsam und auf Augenhöhe wissenschaftliche Projekte voranzutreiben,“ unterstreicht die BESSY II-Sprecherin. „Afrika hat zwar kein Synchrotron, aber hochmotivierte junge Wissenschaftler*innen, mit denen wir Ideen und Infrastrukturen teilen können.“

Mehr Forschende aus Afrika

Was wünscht sich Antje Vollmer für dieses Nutzertreffen 2023? „Ich habe zwei Wünsche, sagt sie schmunzelnd. Der erste ist ein langfristiger, es wäre, dass Lucys Traum sich erfüllt und dass jede Familie in Kenia ein Ethanol-Kochsystem namens Koko bei sich zu Hause hat, das mit nachhaltig in Kenia produziertem Ethanol läuft.
Mein zweiter Wunsch ist etwas moderater und betrifft konkret das Nutzertreffen. Ich wünsche mir sehr, dass dauerhafte Kontakte geknüpft werden, die zu Kooperationen führen und dass die kenianischen Kollegen*innen sehen, was es bedeutet bei BESSY eine Messzeit zu haben, damit sie in Zukunft keine Scheu haben, einen Messzeitantrag zu stellen.“

1Rolf-Dieter Heuer ist ein deutscher Physiker und ehemaliger Generaldirektor des CERN.
2SESAME ist die Röntgenquelle in Jordanien, die Forschende aus verschiedenen Regionen und Länder zusammenbringen, obwohl, diese keine politischen Ansichten teilen.
3Twinning-Programme eröffnen Wissenschaftlern die Teilnahme an einer Messzeit mit einer erfahrenen Nutzergruppe.

Dieser Text ist Teil einer Reihe von Beiträgen zum bevorstehenden BESSY-Nutzertreffen, dieses Jahr mit unserem Partnerland Kenia. Die weiteren Beiträge werden auf Englisch erscheinen.

Florentine Krawatzek

  • Link kopieren

Das könnte Sie auch interessieren

  • Mit 60 zu alt für die Forschung? Vom Kernphysiker zum Papyrus-Forscher
    Interview
    29.04.2026
    Mit 60 zu alt für die Forschung? Vom Kernphysiker zum Papyrus-Forscher
    Wer sich für einen Beruf in der Wissenschaft entscheidet, findet oft persönliche Erfüllung. Dafür muss man auch Unplanbarkeit in Kauf nehmen: Themen werden nicht mehr gefördert oder Labore geschlossen. Wie im Fall von Heinz-Eberhard Mahnke, der sich mit Anfang 60 nach neuen Aufgaben umsehen musste. Heute ist der 81-Jährige immer noch aktiv in der Forschung und untersucht mit zerstörungsfreien Messmethoden antike Kulturgüter von unschätzbarem Wert. Antonia Rötger sprach mit dem Physiker über seinen außergewöhnlichen Karriereweg.
  • Spintronik an BESSY II: Echtzeit-Analyse von magnetischen Doppelschichtsystemen
    Science Highlight
    29.04.2026
    Spintronik an BESSY II: Echtzeit-Analyse von magnetischen Doppelschichtsystemen
    Spintronische Bauelemente ermöglichen Datenverarbeitung mit deutlich weniger Energieverbrauch. Sie basieren auf der Wechselwirkung zwischen ferromagnetischen und antiferromagnetischen Schichten. Nun ist es einem Team von Freier Universität Berlin, HZB und Universität Uppsala gelungen, für jede Schicht separat zu verfolgen, wie sich die magnetische Ordnung verändert, nachdem ein kurzer Laserpuls das System angeregt hat. Dabei konnten sie auch die Hauptursache identifizieren, die für den Verlust der antiferromagnetischen Ordnung in der Oxidschicht sorgt: Die Anregung wird von den heißen Elektronen im ferromagnetischen Metall zu den Spins im Antiferromagneten transportiert.
  • 83 Schülerinnen beim Girls'Day am HZB
    Nachricht
    24.04.2026
    83 Schülerinnen beim Girls'Day am HZB
    Am 23. April 2026 fand der jährliche Girl's Day statt, bei dem Schülerinnen Einblicke in verschiedene Berufe im Bereich der Naturwissenschaften, Technik und IT erhielten. 83 Schülerinnen besuchten die HZB-Standorte Adlershof und Wannsee und erlebten einen Tag voller spannender Experimente.