Vielfalt gemeinsam gestalten
Am 19. Mai ist Deutscher Diversity-Tag, ein bundesweiter Aktionstag, der die Vielfalt in der Arbeitswelt sichtbar macht. Silvia Zerbe und Ana Anselmo sind am HZB als Beauftragte für Diversität bestellt. Wie sehen sie ihren Auftrag und was haben sie vor? Ein Gespräch darüber, was wir alle gewinnen, wenn wir mehr Vielfalt zulassen und aktiv fördern. Und warum es gerade in diesen Zeiten wichtig ist, dafür einzustehen.
Diversität und Gleichstellung haben es im Moment nicht leicht. Antidemokratische Tendenzen nehmen zu. Nehmt ihr das auch wahr?
Ana: Leider, ja. Der Diskurs über Diversität und Gleichstellung ist rauer geworden, und Maßnahmen für mehr Chancengerechtigkeit und Diversität werden häufiger skeptischer oder weniger enthusiastisch betrachtet. Wir beobachten mit Sorge die Einschränkungen in den USA, die nicht nur Diversitätsprogramme, sondern auch bestimmte Forschungsgebiete wie Klimaforschung, Nachhaltigkeit oder erneuerbare Energien betreffen. Das ist besorgniserregend, da die USA ein so großes weltweites Gewicht haben.
Silvia: Auch hier wird Vielfalt zunehmend infrage gestellt. Doch es geht auch um unser Kerngeschäft, die Wissenschaftsfreiheit, die wir verteidigen müssen. Die AFD behauptet in ihrem Wahlprogramm, dass auch die Naturwissenschaften inzwischen „ideologisch“ seien, dabei nennt ganz konkret auch die Klimaforschung. Das ist eine Gefahr, gegen die wir uns gemeinsam stellen müssen. Wir dürfen uns jetzt nicht einschüchtern lassen und hoffen, dass wissenschaftsfeindliche Kampagnen an uns vorübergehen. Viele kommen gerade jetzt auf uns zu und sagen: Ihr müsst weitermachen.
Diversität betrifft doch „nur“ Frauen und Minderheiten, hört man manchmal. Warum sollte dieses Thema uns alle bewegen?
Silvia: Jede und Jeder hat Merkmale, die besonders sind, ob es jetzt das Alter ist, die Herkunft, der Bildungshintergrund, eine erkrankungsbedingte Einschränkung oder neurologische Unterschiede wie die so genannte Neurodiversität. Wenn Menschen aufgrund dieser Merkmale weniger Chancen haben, dann verlieren wir Fachkräfte und Talente. Wenn wir sie fördern, bekommen wir neue Blickwinkel, dann gewinnen wir alle. Diversität und Chancengleichheit betrifft uns wirklich alle.
Ein wichtiger Grund für die Förderung von Diversität ist Gerechtigkeit. Niemand darf benachteiligt werden, das steht so im Grundgesetz. Gibt es noch andere Gründe, warum man Vielfalt fördern sollte?
Ana: Wir wissen aus zahlreichen wissenschaftlichen Studien: Gruppen aus unterschiedlichen Menschen kommen oft zu besseren Lösungen als homogene Gruppen. Es kann sein, dass fünf Fachleute sehr schnell eine Lösung für ein spezielles Problem entwickeln – aber wenn diese Fachleute alle den gleichen Hintergrund mitbringen, ist die Lösung vielleicht nicht die beste. Um entscheidende Aspekte nicht zu übersehen und wirklich neue Wege zu finden, ist es wertvoll, ein Problem aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten. Dies gilt nicht nur für die Forschung, sondern auch für die Verwaltung und alle anderen Bereiche.
Was sind aus eurer Sicht die praktischen Herausforderungen?
Silvia: Ich glaube, wir müssen uns noch stärker bewusst machen, dass wir alle oft vorschnell urteilen. Unser Gehirn wägt nicht sorgfältig ab, so beurteilt oft anhand von sichtbaren Merkmalen wie Alter oder Geschlecht. So haben wir zum Beispiel die Tendenz, am liebsten Menschen einzustellen, die uns recht ähnlich sind. Das ist ein Teil unserer menschlichen Psychologie. Nur wenn man sich das bewusst macht, kann man dagegen anarbeiten. Deshalb ist es wichtig, noch mehr Kolleg*innen zu erreichen und vor allem die die sich bisher wenig mit diesem Thema beschäftigen.
Ana: Oft reicht schon ein kleiner Denkanstoß, um die eigenen Vorurteile wahrzunehmen und zu hinterfragen. Forschende haben herausgefunden, dass bereits die Sensibilisierung für unbewusste Vorurteile und deren schädliche Auswirkungen bereits dazu beitragen kann, diese abzubauen. Zum Beispiel: vor Jahren hat die britische Royal Society of Chemistry einen kurzen Videoclip und ein Briefing erstellt, das Personen mit Recruiting-Verantwortung anschauen konnten, und es hat einen positiven Effekt gezeigt.
Was tut das HZB ganz konkret, um sich auch öffentlich zu Vielfalt zu bekennen?
Ana: Die Geschäftsführung nimmt dieses Thema sehr ernst und ist bei vielen Veranstaltungen dabei. Vielfalt muss Chefsache sein. Wir tragen das auch in die Öffentlichkeit. Wir haben zum Beispiel jedes Jahr einen Stand beim Motzstraßenfest im Juli. Da kommen fast eine halbe Million Menschen vorbei, die sich eigentlich gar nicht besonders für Wissenschaft interessieren, und wir führen tolle Gespräche mit allen. Auch Abgeordnete besuchen unseren Stand beim Motzstraßenfest und sehen, wie wichtig es uns ist, Chancengleichheit und Vielfalt zu unterstützen.
Silvia: Wir sind auch mit den anderen Helmholtz-Zentren gut vernetzt und setzen uns dafür ein, dass die Helmholtz-Gemeinschaft als größte deutsche Forschungsorganisation öffentlich für Vielfalt eintritt. Wir müssen demokratische Werte verteidigen, und dafür braucht es eine breite gesellschaftliche Beteiligung – auch und gerade aus der Wissenschaft. Ganz konkret bereiten wir in der zweiten Jahreshälfte eine Veranstaltung am HZB vor, um über die Rechtswende und antidemokratische Tendenzen zu sprechen. Was kann und sollte die Wissenschaft tun, um sich in gesellschaftliche Diskussionen einzubringen?
Warum liegt euch dieses Thema auch persönlich am Herzen?
Silvia: Offenheit und Respekt sind für mich ganz wichtige Werte, die unsere Gesellschaft zusammenhalten. Mit unserer Arbeit können wir dazu beitragen, sie am HZB zu leben. Auch wenn Meinungsunterschiede manchmal anstrengend sein können, sind sie das Salz in der Suppe, etwas woran wir wachsen. Sich dafür immer wieder starkzumachen, finde ich wichtig und macht mir Spaß.
Ana: Zum einen bin ich selbst in manchen Aspekten betroffen: als Frau, als Ausländerin (sogar Südeuropäerin) und als nicht „deutschmuttersprachig“. Ich gehöre aber auch zu einer sehr privilegierten Gruppe, da ich unter anderem Europäerin und hoch-gebildet bin, und als weiß wahrgenommen werde. Das ist mir sehr wichtig, immer präsent zu haben: meine Privilegien. Deshalb finde ich es umso wichtiger einen Beitrag zu leisten, um die Gesellschaft zu einem besseren Ort zu machen.