BESSY II: Ein- und Auswanderung von Gastatomen in nanoporöser Speicherstruktur direkt beobachtet

Aus den Messdaten konnte das Team ermitteln, dass die Xenon-Atome zunächst einlagig die Innenwände der Poren auskleiden (Zustand 1), bevor sie sie auffüllen (Zustand 2). Der Röntgenstrahl dringt hier von unten durch die Probe.

Aus den Messdaten konnte das Team ermitteln, dass die Xenon-Atome zunächst einlagig die Innenwände der Poren auskleiden (Zustand 1), bevor sie sie auffüllen (Zustand 2). Der Röntgenstrahl dringt hier von unten durch die Probe. © M. Künsting/HZB

Batterieelektroden, Gas-Speicher und einige heterogene Katalysatormaterialien besitzen winzige Poren, die Raum für Atome, Ionen oder Moleküle bieten. Wie genau diese "Gäste" in die Poren einwandern, ist entscheidend für die Funktion solcher Energiematerialien, lässt sich aber meist nur indirekt beobachten. Nun hat ein Team mit dem HZB-ASAXS Instrument an der PTB Röntgen-Beamline von BESSY II mithilfe zweier Röntgenmethoden den Prozess der Einlagerung von Atomen in ein nanoporöses Modellsystem direkt beobachtet. Die Arbeit legt Grundlagen für neue Einblicke in Energiematerialien.

Batteriematerialien, neuartige Katalysatoren und Speichermaterialien für Wasserstoff haben eine Gemeinsamkeit: Sie besitzen häufig eine Struktur aus winzigen Poren im Nanometerbereich. Diese Poren bieten Platz für Gastatome, Ionen oder Moleküle, dabei können sich ihre Eigenschaften durch den Einschluss in die Poren dramatisch verändern. Für innovative Energiematerialien sind die Prozesse in den Poren oft entscheidend, aber erst im Ansatz verstanden.

Welche Struktur bilden Fremdatome in den Poren?

Insbesondere ließ sich bisher zwar die Porenstruktur der Trägermaterialien durch gängige Röntgenstreumethoden gut charakterisieren. Dabei blieb jedoch verborgen, wie sich die Fremdatome genau einlagerten, und welche Morphologie oder Struktur sie dabei bildeten. Um das zu klären, hat ein Team aus dem HZB zusammen mit Kollegen der Uni Hamburg, der PTB und der Humboldt-Universität zu Berlin an der PTB-Röntgen-Beamline von BESSY II erstmals zwei verschiedene Röntgenmethoden mit einem Gasadsorbtionsprozess kombiniert. Damit gelang es ihnen, gezielt nur die Nanostruktur des „Füllmaterials“ sichtbar zu machen, und zwar sowohl während der Auffüllung der Poren als auch während ihrer Entleerung.

Modellsystem: Nanoporöses Silizium mit Xenon

Sie testeten das Verfahren an einem Modellsystem aus nanoporösem Silizium. In einer speziell angefertigten Physisorptions-Zelle unter kontrollierten Bedingungen (Temperatur, Druck) wurde das Edelgas Xenon mit der Siliziumprobe in Kontakt gebracht. Die Probe untersuchten sie simultan mit Anomaler Röntgen-Kleinwinkelstreuung (ASAXS) und Röntgenspektroskopie (XANES): Dabei wird die Energie des Röntgenstrahls in der Nähe der Röntgenabsorptionskante der Xenon-Atome variiert.

Zunächst: Auskleidung der Innenwände

Sie konnten so Schritt für Schritt erfassen, wie Xenon in die Poren einwandert, und beobachten, dass die Atome zunächst eine einatomare Lage an den inneren Oberflächen der Poren bilden. Danach werden weitere Lagen angebaut, bis die Poren gefüllt sind. Dabei lassen sich Füllung und Entleerung strukturell unterscheiden.

Mathematische Ermittlung

„Mit konventioneller Röntgenstreuung (SAXS) sieht man nur das poröse Material und die gefüllten Bereiche gemeinsam, sodass die Beiträge der Füllstoffe bei hoher Füllung kaum sichtbar sind“, sagt Eike Gericke, Erstautor der Studie, der über die Röntgenverfahren promoviert. „Das haben wir verändert, indem wir ASAXS genutzt und an der Röntgenabsorptionskante von Xenon gemessen haben. An dieser Kante ändern sich die Wechselwirkungen zwischen Xenon und dem Röntgenstrahl, so dass wir das Füllmaterial Xenon mathematisch extrahieren können.“

Neues Werkzeug für die Entwicklung von Energiematerialien

„Wir haben damit erstmals direkten Zugang zu einem Bereich, über den man zuvor nur Vermutungen anstellen konnte“, erläutert Dr. Armin Hoell, korrespondierender Autor der Arbeit. „Die Anwendung der Kombination dieser beiden Röntgenmethoden auf den Prozess macht es nun möglich, das Verhalten von eingeschlossener Materie in Nanostrukturen experimentell zu beobachten. Das ist ein neues, mächtiges Werkzeug, um auch tiefere Einblicke in Batterieelektroden, Katalysatoren oder Wasserstoff-Speichermaterialien zu gewinnen.“

arö

  • Link kopieren

Das könnte Sie auch interessieren

  • CIGS-Perowskit-Tandemzelle erreicht Rekordwirkungsgrad von 25,5 %
    Nachricht
    30.06.2026
    CIGS-Perowskit-Tandemzelle erreicht Rekordwirkungsgrad von 25,5 %
    Ein Berliner Team aus Helmholtz-Zentrum Berlin (HZB) und Center for the Science of Materials Berlin (CSMB) an der Humboldt-Universität zu Berlin hat einen neuen Rekord für eine Tandemsolarzelle aufgestellt. Durch die Kombination einer CIGS-Halbleiterschicht mit Perowskit gelang es ihnen, 25,5 % des Sonnenlichts in elektrische Energie umzuwandeln. Der bisherige Rekord für diese Materialkombination und diese Zellgröße lag bei 24,6 %. Der neue Rekord wurde zertifiziert und ist in den Solar Cell Efficiency Tables (den „Green Tables“) zu finden, die als Nachschlagewerk für die weltweite Photovoltaik-Gemeinschaft gelten.
  • Unordnung erzeugt neue Eigenschaften in Verbindungshalbleitern
    Science Highlight
    29.06.2026
    Unordnung erzeugt neue Eigenschaften in Verbindungshalbleitern
    Ein internationales Forschungsteam hat gezeigt, dass intrinsische Unordnung im Verbindungshalbleiter CuInSnS₄ genutzt werden kann, um dessen optische Eigenschaften zu beeinflussen. Optische Anregungen (Exzitonen) reagieren empfindlich auf die lokale Anordnung der Atome. Dabei zeigen sie überraschenderweise eine richtungsabhängige Reaktion, obwohl die durchschnittliche Kristallstruktur kubisch ist. Diese Erkenntnisse werfen ein neues Licht auf den Zusammenhang zwischen Unordnung und Materialeigenschaften und eröffnen neue Möglichkeiten für ein gezieltes „Unordnungs-Engineering“ in optoelektronischen und photokatalytischen Bauelementen.
  • Perowskit-Solarzellen: Prognosen zur Langzeitstabilität
    Science Highlight
    25.06.2026
    Perowskit-Solarzellen: Prognosen zur Langzeitstabilität
    Zuverlässige Aussagen über die Langzeitstabilität von Perowskit-Solarzellen sind nach wie vor schwierig. Welche Verfahren zur Prognostik von Langzeitstabilität aussagekräftig sind, und wo noch Forschungsbedarf besteht, zeigt nun eine neue Studie aus dem Team um Dr. Carolin Ulbrich im renommierten Fachjournal Joule.