Helmut Baumgärtel (1936–2026): Gründungsdirektor in der Aufbauphase von BESSY und Architekt einer Nutzeranlage für die Community

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Das Helmholtz-Zentrum Berlin trauert um Professor Dr. Helmut Baumgärtel, der am 17. Februar 2026 im Alter von 89 Jahren in Berlin verstorben ist. Für den Berliner Forschungsstandort und die Synchrotron-Community ist sein Name eng mit einer Phase verbunden, in der aus einer ambitionierten Idee eine verlässliche Nutzeranlage wurde: BESSY als Ort, an dem viele Disziplinen gemeinsam messen, diskutieren und Methoden weiterentwickeln konnten.

Helmut Baumgärtel wurde am 15. Juli 1936 in Selb (Franken) geboren. Er studierte Chemie an der Technischen Hochschule München und promovierte 1962 in Physikalischer Chemie. Nach Stationen in München und Freiburg wandte er sich früh den experimentellen Möglichkeiten von Synchrotronstrahlung zu – zunächst am DESY in Hamburg. 1977 wurde er an die Freie Universität Berlin berufen.

Für die Berliner Infrastrukturentwicklung übernahm Baumgärtel kurz darauf eine Schlüsselrolle: In der Gründungs- und Aufbauphase von BESSY wurde er zum ersten Wissenschaftlichen Geschäftsführer berufen und prägte die Anlage damit faktisch als Gründungsdirektor auf wissenschaftlicher Seite. Diese Phase reicht in die organisatorische Vorbereitung hinein und umfasst die Jahre, in denen die Betreibergesellschaft (1979) formiert und BESSY aufgebaut wurde.

Mit der Inbetriebnahme von BESSY am 19. Dezember 1981 am Breitenbachplatz erhielt Berlin eine Quelle für Vakuum-UV- und weiche Röntgenstrahlung, die über viele Jahre eine wachsende Nutzercommunity aus Universitäten und Forschungseinrichtungen anzog – und damit jene Arbeitskultur beförderte, die Nutzeranlagen auszeichnet: Zugang für viele, methodische Weiterentwicklung im Betrieb, und wissenschaftlicher Austausch über Disziplingrenzen hinweg.

Baumgärtel dachte BESSY von Beginn als Angebot an Nutzerinnen und Nutzer – und nicht als Prestigeprojekt: Eine Nutzeranlage steht und fällt mit verlässlichem Betrieb, Instrumentierung, transparenten Zugängen und der Fähigkeit, aus vielen Einzelprojekten eine Community zu formen. Dank Helmut Baumgärtel war BESSY so für nahezu zwei Jahrzehnte ein zentraler Forschungsort. 1999 wurde die Anlage zugunsten von BESSY II stillgelegt, heute Leuchtturm auf dem Wissenschafts- und Technologiestandort Adlershof. Teile von BESSY gingen auf das internationale SESAME-Projekt über – ein Hinweis darauf, wie sehr wissenschaftliche Infrastruktur auch über Standorte und Ländergrenzen hinweg wirken kann.

Parallel zu seiner Bedeutung für die Entwicklung der Berliner Forschungsinfrastruktur blieb Baumgärtel ein profilierter Physikochemiker. Er arbeitete unter anderem in der Elektrochemie und in der Spektroskopie an Molekülen, Clustern und Aggregaten und verband dabei methodische Strenge mit einem ausgeprägten Sinn für neue experimentelle Zugänge. Sein Werk ist in mehr als 300 Publikationen dokumentiert. Ebenso prägend war er als Lehrer und Mentor: klar in der Darstellung, anspruchsvoll in der Sache und ermutigend in der Förderung von Selbständigkeit.

Mit Helmut Baumgärtel verliert Berlin einen Wissenschaftler, der frühe Synchrotronforschung nicht nur genutzt, sondern in Berlin strukturell verankert hat – und damit Voraussetzungen schuf, von denen die Community bis heute profitiert. Das Helmholtz-Zentrum Berlin wird ihm ein ehrendes Andenken bewahren.

Quellenbasis: Nachruf FU Berlin (23.02.2026), Wikipedia-Eintrag, frühere Arbeitsgebietsseite der AG Baumgärtel (FU).

sz

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