Gibt es eine Afrikanische Architektur?
Das Team: Hafsa Adan, Zakiyyah Haffejee, Samira Aden, Kafia Ahmed, Omar Degan, Abigail Rotich (v.l.n.r.). Ort: Celine & Lolo, Nairobi, Kenya © Panzigo / Pan-African Biennale
Die kuratorische Frage an der Ausstellungswand: Shah Houses Gallery, Nairobi, Kenya © Panzigo / Pan-African Biennale
Die weltweit erste Pan-African Biennale zu Architektur fand in diesem September in Nairobi, Kenia statt. Menschen aus Architektur, Kunst, Wissenschaft und Politik aus 54 afrikanischen Ländern und der Diaspora waren nach Nairobi gekommen, um sich dort auszutauschen: Zu traditionellen und aktuellen Bauweisen, Materialien, Erfahrungen und Projekten. Samira Aden hat diese Biennale als leitende Kuratorin mit organisiert. Wir haben mit ihr gesprochen.
Warum hast Du an dieser Biennale mitgearbeitet?
Bisher wird Wissen immer noch dominiert vom globalen Norden, Europa und den USA scheinen über das „richtige Wissen“ zu verfügen. Dabei gerät aus dem Blick, wie vielfältig die Architektur in den verschiedenen afrikanischen Ländern und Kulturen ist und welches tiefe Wissen darin enthalten ist. Wer spricht darüber, wie man in Nigeria mit Lehm baut und wie sich das von Bauweisen in Mali unterscheidet? Wir waren schon immer der Meinung, dass wir eine eigene Veranstaltung in Afrika brauchen.
Mit wem hast Du dieses Projekt zusammen gemacht?
Ich bin seit Jahren mit Architekten aus Somalia und anderen Ländern im engen Austausch. Und als Omar Degan, ein somalisch-italienischer Architekt mich gefragt hat, ob ich als Kuratorin mitmache, habe ich zugesagt, noch ohne zu wissen, ob das HZB das unterstützen würde. Denn ich mache das auch aus privater Überzeugung. Ich hatte während der Corona-Pandemie mit Omar Degan zusammen eine mobile Krankenstation für den ländlichen Raum in Somalia entwickelt und realisiert, über Crowdfunding. Deswegen wussten wir, dass wir sehr gut zusammenarbeiten.
Was war Deine Aufgabe?
Wir haben in kurzer Zeit sehr viel gemacht, ein Buch publiziert, und die Biennale organisiert. Der kuratorische Rahmen ist "Shifting the center: from fragility to resilience." Wir haben dazu Architektinnen und Architekten für jedes Land ausgesucht und ausstellen lassen. Außerdem haben wir Studierende eingeladen, ihre Arbeiten einzureichen zu denselben drei Themen: Klimawandel, Afrikas Zukunft und traditionelle Materialien im neuen Kontext (vernacular intelligence). Mehr als 200 Studierende schickten ihre Arbeiten ein und 20 Arbeiten wurden ausgesucht. Sie sind fast alle nach Nairobi gekommen, trotz der weiten Reise. Sie waren unglaublich happy darüber, endlich etwas über Praktiken und Theorien zu erfahren, von denen man im klassischen westlichen Kontext kaum etwas hört.
Kamen auch Menschen aus anderen Ländern?
Ja, zum Beispiel waren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus dem Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung dabei, die über Wasserressourcen und Klimawandel gesprochen haben. Aber auch aus Dänemark, USA und Südkorea reisten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ein, die begeistert von unseren Themen waren. Ich bin überzeugt davon, dass der globale Norden von afrikanischem Wissen lernen könnte.
Was können wir lernen?
Angesichts der Klimakrise und der Ressourcenknappheit steigt auch hier langsam das Bewusstsein, dass Gebäude aus Glas, Beton und Stahl zu viel Energie verbrauchen. Auch moderne Kompositmaterialien sind oft nicht nachhaltig, man kann sie nicht auseinandernehmen und wieder verwenden. Das sind jetzt alles Themen, die Stadt als Materialkatalog, die Kreislaufwirtschaft. All das ist bereits Standard in vielen traditionell überlieferten Bauweisen.
Welche neuen Eindrücke hast Du mitgebracht?
Ich habe unglaublich viel gelernt. Was passiert in Kamerun, in Equatorial Guinea, in anderen Regionen auf diesem riesigen Kontinent? Diese Kommunikation ist immer noch gestört durch die koloniale Geschichte. Und mit dieser Biennale haben wir einen ersten Schritt in Richtung einer Veränderung getan. Uns war es sehr wichtig, eine Plattform zu bieten für den Austausch, für die Vermittlung von Wissen: Was kann man alles mit Weidenruten machen, wie kann man sie verweben? Da gibt es so viele unterschiedliche Praktiken.
Welche Gebäude sind Dir in Erinnerung geblieben?
Auch hier gibt es zahlreiche Lösungen wie zum Beispiel in Lesotho. Geometrische Muster aus natürlichen Materialien an Fassaden werden von den Frauen immer wieder neu zusammengesetzt und aufgetragen. Diese Architektur wird immer wieder erneuert. Es gab einfach sehr viele unglaublich gute Beispiele. Ein weiteres kann ich noch herausgreifen, aus Togo, da hatten zwei junge Architektinnen einen Geburtshauskomplex entworfen, mit natürlicher Belüftung durch Schlitze an den Wänden und natürlichen Materialien, die automatisch für Luftaustausch, Desinfektion und Kühlung sorgen.
Wird es eine nächste Pan-Afrikanische Biennale geben?
Die nächste Biennale findet 2028 statt. 2027 wird es globale Dialogformate geben. Aber ein europäischer Standort kommt nicht in Frage, auch die nächste Biennale muss in einem Land stattfinden, in das Menschen aus afrikanischen Ländern problemlos einreisen können und wo sie afrikanische Lösungen hautnah erleben können.
Vielen Dank für das Gespräch!
Das Buch:
Shifting the Center: From Fragility to Resilience, DOM publishers
Curated by Omar Degan. Edited by Meriam Sehimi with Samira Aden. October 2026.
Zu Samira Aden:
Samira Jama Aden ist Architektin und Kuratorin und arbeitet an der Schnittstelle von Architektur, Kunst und neuen Technologien. Sie ist assoziiertes Mitglied der Forschungsplattform "Bau Kunst Erfinden" der Universität Kassel und Mitglied der Expertengruppe der „ESG Working Group of the European Technology and Innovation Platform for Photovoltaics (ETIP PV)“. Am BAIP am HZB ist die Expertin für Designforschung und innovative Materialien für die individuelle Beratung und Fortbildung zuständig.