Aus der Forschung der Nutzer: Wie Wasser Glas bewegt

Eine neue Generation von Sensoren: die Schuppen des "versteinerten" Kiefernzapfens biegen sich bei Befeuchtung gegen die Schwerkraft aufwärts und beim Trocknen wieder zurück.

Eine neue Generation von Sensoren: die Schuppen des "versteinerten" Kiefernzapfens biegen sich bei Befeuchtung gegen die Schwerkraft aufwärts und beim Trocknen wieder zurück. © WZS

Pflanzen nutzen Kapillarkräfte, um Flüssigkeit hochzuziehen. Dafür besitzen sie ein Netz aus dünnen Röhren (Kapiilaren), das auch dafür sorgt, dass sich das Material bei Flüssigkeitsaufnahme ausdehnt. Auch bei Zapfen von Nadelbäumen verhält es sich so. Ein Team am Lehrstuhl für Biogene Polymere der Technischen Universität München (TUM) am Wissenschaftszentrum Straubing (WZS) hat nun die pflanzlichen Bestandteile durch Silikatglas ersetzt. Dabei stellten sie fest, dass sich auch die Schuppen des künstlich versteinerten Zapfens bei Aufnahme von Feuchtigkeit bewegen. Untersuchungen an der Synchrotronquelle BESSY II in Berlin zeigten, dass die innere Struktur des Kiefernzapfens auch im fossilisierten Zustand bin in den Nanometerbereich erhalten bleibt. Die Arbeit legt Grundlagen für eine neue Generation von Sensoren.

Mit einem speziellen Verfahren lassen sich Kiefernzapfen künstlich versteinern. Dabei werden die biologischen Bestandteile vollständig in das technische Material Silikatglas umgewandelt. „Wir haben ein zuvor entwickeltes und verfeinertes ‚Bio-Templatierungsverfahren‘ zum ersten Mal für die Herstellung eines Materials mit strukturbasierter Funktion verwendet“, sagt Dr. Daniel Van Opdenbosch vom WZS. Aufwändige Untersuchungen an der Synchrotronquelle BESSY II in Berlin zeigten, dass dabei die innere Struktur des Kiefernzapfens erhalten blieb. Vor allem wurde der Zapfen durch das neue Templatierungsverfahren komplett versteinert bis hinunter auf die Ebene von millionstel Millimetern.

„Wir konnten zeigen, dass sich der transformierte Körper wie sein biologisches Original bei Feuchtigkeitsaufnahme bewegt“, erklärt Van Opdenbosch weiter, „die Schuppen der versteinerten Zapfen biegen sich bei Befeuchtung gegen die Schwerkraft aufwärts und beim Trocknen wieder zurück in ihre Ausgangsposition.“ Durch das genaue Abformen von Pflanzenstrukturen bei Erhalt ihrer charakteristischen Eigenschaften versprechen sich die Wissenschaftler neue Möglichkeiten bei der Entwicklung von Funktionsmaterialien.

Sensoren mit geringem Technikaufwand herstellbar

Basierend auf den bisherigen Ergebnissen könnten poröse keramische, mehrlagige Sensoren mit relativ geringem technischem Aufwand produziert werden. Diese neuen Sensoren reagieren auf Feuchtigkeitsveränderung mit Bewegung. Damit ließen sie sich in chemisch aggressiven und physikalisch anspruchsvollen Umgebungen einsetzen, um verlässlich messen, schalten und steuern zu können.

Herkömmliche bimetallische oder zweilagige Aktuatoren sind wegen ihrer Zusammensetzung aus Metallen oder Kunststoffen anfällig für eine Zersetzung durch Korrosion, Säuren und Basen, Oxidation, hohe Temperaturen und Strahlung. Gegen alle diese Einflüsse sind Keramikoxide im besonderen Maße widerstandsfähig.

Das Projekt „Hierarchically structured porous ceramics and composites from nanocasting of plant cell walls“ wurde im Rahmen des Schwerpunktprogramms 1420 „Biomimetic Materials Research: Functionality by Hierarchical Structuring of Materials“ durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft gefördert.

Beteiligt waren das Straubinger Team um Daniel Van Opdenbosch, eine Gruppe vom Institut für Physik der österreichischen Montanuniversität Leoben und ein Team vom Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung in Potsdam.

Die Forschungsergebnisse sind im Fachjournal „Advanced Materials“ 2016, DOI 10.1002/adma.201600117 publiziert.

Die Originalinfo aus dem WZS finden Sie hier:

Tipp: Zu diesem Thema gibt es ein anschauliches Video

TU München/WZS


Das könnte Sie auch interessieren

  • Dynamische Messungen in Flüssigkeiten jetzt auch im Labor
    Science Highlight
    23.05.2024
    Dynamische Messungen in Flüssigkeiten jetzt auch im Labor
    Ein Team aus Berliner Forscher*innen hat ein Laborspektrometer entwickelt, um chemische Prozesse in Lösung zu analysieren – und das mit 500 ps Zeitauflösung. Dies ist nicht nur für die Forschung an molekularen Prozessen in der Biologie interessant, sondern auch für die Entwicklung von neuartigen Katalysatormaterialien. Bisher war dafür allerdings meist Synchrotronstrahlung erforderlich, wie sie nur an großen, modernen Röntgenquellen wie BESSY II zur Verfügung steht. Nun funktioniert das Verfahren mit einer Plasmalichtquelle im Labormaßstab.
  • Schlüsselrolle von Nickel-Ionen im Simons-Prozess entdeckt
    Science Highlight
    21.05.2024
    Schlüsselrolle von Nickel-Ionen im Simons-Prozess entdeckt
    Forscher*innen der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM) und der Freien Universität Berlin haben erstmals den genauen Mechanismus des Simons-Prozesses entschlüsselt. Das interdisziplinäre Forschungsteam nutzte dafür die Synchrotronquelle BESSY II am Helmholtz-Zentrum Berlin.

  • Gefriergussverfahren – Eine Anleitung für komplex strukturierte Materialien
    Science Highlight
    25.04.2024
    Gefriergussverfahren – Eine Anleitung für komplex strukturierte Materialien
    Gefriergussverfahren sind ein kostengünstiger Weg, um hochporöse Materialien mit hierarchischer Architektur, gerichteter Porosität und multifunktionalen inneren Oberflächen herzustellen. Gefriergegossene Materialien eignen sich für viele Anwendungen, von der Medizin bis zur Umwelt- und Energietechnik. Ein Beitrag im Fachjournal „Nature Reviews Methods Primer“ vermittelt nun eine Anleitung zu Gefriergussverfahren, zeigt einen Überblick, was gefriergegossene Werkstoffe heute leisten, und skizziert neue Einsatzbereiche. Ein besonderer Fokus liegt auf der Analyse dieser Materialien mit Tomoskopie.